Tagebuch



Mein Papiertagebuch aus einer glücklicheren ersten Julidekade verrät, dass ich mit Zeesboot fuhr, das eigentlich Zeesenboot heißt und manchmal braune, manchmal rote Segel hat. Vor Barth und hinter Zingst. „Bei Dürkopp“ in Fuhlendorf gab es einen sehe guten Matjesteller für 8,- und Ribnitz-Damgarten besteht mehr denn je auf dem Bindestrich, allwo die Recknitz fließt und Schlachten geschlagen wurden. Mal waren es fünfzig, mal auch siebzig Radkilometer am Tage, mal drei, mal auch vier Abstecher durch den Küstenwald auf die feinen weißen Sandflächen mit relativ wenigen Leuten und viel sauberem Ostseewasser. Das muss sich nach dem 12. 7., als der Wüstenwind auch über die Küste wehte, geändert haben. Aber da lag ich dann ja schon mit netten Schläuchen und noch netteren Krankenschwesternbefehlen zu Bette.

Mein Kalender, den ich vor einem Jahr mit Wochentexten versehen habe und fast vergessen – was bastelt man nicht alles an 400-Zeichen-Texte zusammen? – kam mit allerlei Belegen. Nun hab ich was zum Verschenken für DDR-Erinnerungsfreunde.

Bei Gesprächen mit dem medizinischen Personal im Rügener Krankenhaus hörte ich paar Mal: Das sollten Sie mal aufschreiben und an die Klinikleitung schicken. Sie können das doch. Ja, aber habe ich Zeit für einen galligen Brief? Ist mir solches überhaupt noch gegeben? Obwohl ich nach ärztlicher Auskunft immer noch dort, wo andere Menschen ihre Lenden haben, genügend Galleflüssigkeit beherberge.

Die Zeitschrift OSSIETZKY hat meine Würdigung zu „20 Jahre Faber & Faber“ gedruckt. Und in der Magdeburger Literaturzeitschrift ODA steht auch was von mir. Zu Walter Kempowski. Und in den hiesigen Tageszeitungen steht viel zu viel, als dass ich alles nachlesen könnte.



Ja, der Urlaub war etwas länger als geplant und nur die ersten fünf Tage war er Urlaub, dann eine laaaange Krankenhausrecherche im Sana-Krankenhaus zu Bergen/Rügen. Immerhin sage ich vermutlich nicht so schnell noch mal: Das mache ich doch mit links und vierzig Fieber.

Zunächst gab es wunderbare Radeltoren auf Zingster und hinter fischländischen Deichen, mit an den hibbschesden Stelln Neihubbn (wie mir Saggsn sagen) in die Ostseewellen, die für meine Begriffe fast zu warm (21 Grad!), aber da noch sehr hoch waren.
Dann wurden sie kleiner und die Welt heißer und mich expedierte man mit Rettungswagen – richtig wie im Film – über die Insel Rügen. Doch inzwischen ist die Phase der flüssigen Nahrung vorbei und viel Arbeit liegt virtuell und real da – demnächst dann werde ich abarbeiten, was an Anfragen und Kuriosa per Mail und Anrufbeantworter auf mich niederprasselte. Von Beileidbekundungen ist vorerst noch mal abzusehen.



M.B. mußte die ab 26.7. im Saalfelder Krankenhaus geplanten Reparaturarbeiten leider schon auf Rügen ausführen lassen.
Nachfragen und Beschimpfungen stapeln sich also derzeit im Postfach. Ab voraussichtlich Ende Juli 2010 wird der Postberg langsam, langsam wieder abgebaut werden können.


Er war im Kunsthaus Müller, und obwohl die Weltliteraturkritik weiß, dass Grass ein begnadeter Tänzer ist, schlug er per Zug um Rudolstadt samt Tanzfest einen Boden, fuhr nämlich ab Saalfeld nach heeme.
Also traf ich G. nicht. Hingegen waren viele andere am Wochenende in Rudolstadt und mit manchen redete ich länger, mit dem Landolf-Pärchen und mit dem Projektepolitwissenschaftler und mit dem Umweltmenschen aus Waren und mit dem Rudolstädter Pfarrer, der jetzt in Weimar haust. Und mit all den Leuten, die man gerne trifft und von denen man hört, dass es heiß und wunderbar und anstrengend und ganz entspannt sei.
Und damit diese Seite sich ausruhen kann, wird sie die nächsten Tage nicht aktualisiert, auf deutsch: geupdatet. Denn ich bin da mal da. Dort, wo Grass schon sein ganzes Leben lang ist. An der Ostsee.


Sogleich gibt es neue Witze – vermutlich aus alten kompiliert: Sitzen der Franzose, der Italiener und der Engländer auf dem Flughafen in Kapstadt und warten. Kommt der Brasilianer angerannt: Wir müssen noch auf den Argentinier warten.

Grosssse Hitze gestern. Auf dem Schlosshof die Ruth-Verleihung, „Kvart“ ist eher bieder, hätten auch vor zwanzig Jahren klimpern können. „Bayon“ mindestens so gut wie vor dreißig Jahren. Gast Morgenstern treffen wir nachher unten in der Stadt. Als „Rot Front“ beginnt, kann man sich nur noch schwer aus den Massen vor der Hauptbühne herauswinden. Im Schlosscafe erstaunlich leer, der traumhafte Talblick lockt die Folkies nicht. Im Heine-Park die üblichen indischen Gerüche und afrikanischen Lautstärken und Temperaturen. Alle zwanzig Meter läuft man einem Bekannten in die Arme. Der Böse Wirt schwärmt nach Mitternacht von der Fußball-Atmo in seiner Kneipe – er musste zusperren, so überfüllt war es am Nachmittag.

Habe noch längst nicht alles abgehakt, was vor dem Urlaub einen Haken bekommen sollte.


Am Morgen ist die Welt noch kühl. Radle eine Runde an der Saale entlang, die Zelt-Stadt beginnt in Volkstedt auf der Insel, dann rechts-saalisch die stillstehende Blech- und Leinwandlawine. Lange, aber friedliche Schlangen an den Kaffeeständen; die TA wird an solchem Tag nicht in die Danzfäsdstadt geliefert, die TLZ aber immerhin in 1 Exemplar. Frühstück mit Sommer vorm Balkon, dann aber schnell alles zu, damit es draußen hübsch warm bleibt.

Das Symposium zur Weltmusik endete gestern mit einer unberechtigten Beschimpfung von MDR-Figaro – ich habe an dem Sender ja gelegentlich auch zu mäkeln, er bleibt aber einer der besten Kulturradiosender.

Abends auf der Heidecksburg Arlo Guthrie mit den Thüringer Symphonikern. Sansibar schenkte mir am Nachmittag die CD dazu. Erstaunlich, was unser Orchester alles mitmacht – bekommt aber auch viel Applaus zur Nachtstunde. Guthrie hat natürlich den größten Erfolg mit der USA-Hymne seines Papas:

This land is your land, this land is my land
From California, to the New York Island
From the redwood forest, to the gulf stream waters
This land was made for you and me.

Also passend zu Mitteldeutschland (Copyright nicht by Guthrie):

De Gehjend is deine, de Gehjend is meine
Von Cumbach driem bis uffn Haine
Vom Dunnel in Schaale bis an de Saale
Nerjeln, des derfn nur mir beede.

Schreibe an unseren Lokalzeitungschef einen Brief:

Sehr geehrter Herr Thomas S.,
Sie haben zwar in den letzten drei Ausgaben ihrer Zeitung jedes Mal mich namentlich erwähnt – was zur schönen Selbstverständlichkeit werden sollte, aber heute, sehr geehrter Herr Thomas S., unterlief Ihnen ein fürchterlicher Lapsus. Sie widmen einem gewissen Mantsching, der sich als der Oberbuffo des hiesigen Comödienhauses geriert, acht Zeilen. Samt Bekleidungsbeschreibung. Ich komme kaum ein Zeilchen lang vor – immerhin ist mein Name richtig geschrieben.
Hätten Sie, sehr geehrter Herr Thomas S., nicht derart formulieren können?
„Unser be- und geliebter Heimatdichter kam im possierlichen Beinkleide, seine gutgewachsenen Extremitäten in bestes Licht rückend. Auch sein modernes Nicki trug den optimistischen Ausdruck unserer Epoche, welchselbe er gern in Bücher einschreint resp. dort humorvoll aufblitzen lässt, im Antlitz.“
Das wären, sehr geehrter Herr Thomas S., acht Zeitungszeilen gewesen, die Sie bei diesem Möndschink sich und Ihren Lesern hätten ersparen können.
Vielleicht sollte ich meinem guten Freunde Ulli einen Tipp geben, welche politisch und moralisch auf der völlig falschen Linie argumentierenden Lokalredakteure er in seiner Zeitung, also am Busen nährt. Obwohl, sehr geehrter Herr Thomas S., die eigentliche Antwort auf Ihre heutige Impertinenz der einer anderen volksverbundenen Zeitung entsprechen könnte: „Adios Diego! Dein Messi kriegt heut auf die Fressi!“

Mit deutlichem Gruße
Ihr usw usf.


Es hat begonnen: die alljährliche Dreitageswirrnis, die Bunt- und Verrücktheit, die lustigen Tage, die nur wenig mit Fasching und viel Sommerklamauk zu tun haben. Unsor Danzfäsd. Schon gibt es Stau auf Großen Allee, weil die schmal ist und keine parkenden Autos mag.

Gestern begann das Symposium „eine welt für musik“ auf der Heidecksburg, heute geht’s weiter. Ich hatte leichtsinnig die Aufgabe übernommen, das gestrige Tagesfazit zu schreiben resp. zu ziehen, am Ende vieler manchmal länglicher Diskussionsbeiträge, also noch während des Diskutierens zu dichten. Nun bildet sich unsereiner ja ein, fast alle Schreibaufgaben mit leichter Hand zu lösen. Doch zur leichten Hand gehört ein elektronisches Schreibgerät, allwo man ohne radieren und reinschmieren arbeiten kann. Und es gehören wenigstens ein paar Minuten Ruhe dazu, um fünf-, sechs-, siebentausend Zeichen zu dichten.
Doch die Handschrift kennt keine Zeichen. Nur Unter- und Oberlängen, Unlesbarkeiten, Reingeschmadere. Während im Podium manchmal doch ganz bedenkenswerte Ansichten geäußert wurden und ein Christoph Dieckmann druckreife Sätze sprach, musste ich die Phantasie schweifen lassen: Hat diese Veranstaltung ein Bühnenbild? Was macht der Requisiteur? Ist die Sonne der Beleuchtungsmeister? Und was sind Hybride in der Kunst?
Na gut, ich schrieb und las vor und vielleicht war es so schlecht nicht. Heute darf Mensching sich erproben – der bringt bestimmt einen Schlepptopp mit. Und ich werde das Danzfäsd genießen und nur im Hinterkopp an einen Text denken, den ich, dann ohne Handschrift, vorm Urlaub noch machen müsste.


Das rote Dach über gelbem Giebel gegenüber wird immer kleiner. Weil das Grün immer mehr wächst. Nein, das soll nun weder ein Gedicht noch eine politische Analyse werden: es ist einfach eine Tatsachenbehauptung.

Habemus Wulffam. Das Volk wird immer gern zitiert, wenn man mitteilt, dass es NOCH bessere Bundespräsidenten gibt. Das Volk möchte, rein aus Alliterationsgründen, Joachim Jauch. Oder wenigstens Günther Gauck. Oder zumindest Wolf Wulff Wirsinddasvolkmann.

Im elektronischen Briefkasten liegt das Tagungsmaterial für heute: Eine Welt für Musik. Über mich steht drin, dass ich nach „Studienkursen am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig“ freischaffend wurde. Eigentlich habe ich ja nur mal 1 Sonderkurs dort mitgemacht, der eine Sozialmaßnahme für Schriftsteller war. Und freischaffend wurde ich, weil man am Kabarett mein dort letztes Programm nicht leiden mochte. Aber wenn es so in den Tagungsunterlagen steht … die Tagungsgenossen werden sich schon was dabei gedacht haben.


Immer mehr Danzfesder danzen an. In der Lokalpresse heute wird noch immer so getan, als habe es bis 89 „Das Fest des deutschen Volkstanzes“ gegeben – das war mal zu Gründerzeiten in den Fünzigern, im Sinne der deutschen Einheit so, in den Achtzigern hatte man längst die sowjetischen Volkstänzer vom Ensemble Ala-Tau (oder so ähnlich) und die Leipziger Folkländerei dabei. Das wird nun seit Jahren immer wieder in allen Historienmalereien beschrieben, aber Lesen ist eine Fähigkeit, die manchen Schreibern nicht gegeben ist.

Gestern im warmen und von Scheinwerfern immer wärmer werdenden Theatersaal die Fernsehaufzeichnung von „Drunter und drüber“. Am 3. Oktober 16.00 Uhr dann bei „arte“. Mensching musste einen eigens fürs Fernsehen erdachten Prolog sprechen und benötigte zwei Anläufe – ich finde ohnehin Autoren, die eigene Texte frei sprechen können, bewundernswert. Stets am Papier klebt unsere Seele, Buchstaben sind der Welt allmächtiger Puls und deshalb flötet oftmals tauberem Ohr der Hohe Lyrische Dichter. So wollen wir unseren August von Platen verstanden haben.

Weil ich die nächsten Tage vom Danzfesd getrieben werde und ab Montag dem Computer für einige Ostseetage entsage, muss ich heute noch meinen Fußballtext dichten, der dann irgendwann nächste Woche mit aktuell-redaktioneller Einarbeitung als allmächtiger Puls der Welt anheimgegeben werde. Wie also schreibt man für die Zukunft, ohne die Zukunft – oder zumindest deren Fußballresultate - zu kennen?


Das Radio kündigt an, dass heute abend im Rudolstädter Theater die Anti-Depressionsrevue läuft. Zwecks Fernsehaufzeichnung für arte. Wie schön, wenn man auch aus dem Radio erfährt, was man weiß.

Mit eigenen Augen sehe ich, wie die Zeltplätze am Saaleufer geordnet und eingezäunt werden. In der Saale baden erste Tanzfestgäste. Hinweisschilder stehen schon allerorten; in der Stadt scheint sich das Durchschnittsalter der Erdbeerkäufer und Eisesser etwas zu verringern.

Zum gestrigen Gisela-Kraft-Geburtstag gabs ein Gedicht per Brief: „Fünfgeschossiges Haus in Laleli“. Fünf Strophen, vier dreizeilige, wie es sich für normgerechte Wohnungen gehört. Nur das oberste Geschoss hat vier Zeilen. Weil da der Vogel wohnt:
„einer kommt mit futter im schnabel vom flug zurück
und sein nest ist leer
und nur dieser sagt
wir wollen es noch einmal versuchen“


Er liegt ein Stück hinter der B2, direkt am Kloster Mildenfurth. Marita und Volkmar Kühn haben einen Zaubergarten geschaffen, voller Bäume und Baumartige, Klettergewächse und Kräutlein Niesmitlust. Und voller Kühn-Plastiken. In einem Gartenstück stehen die Kleinbronzen von Kühn sehr solitär, wie man das wohl nennt. Die „Rote Huzule“ begrüßt den Besucher und rund ums Kirchengebäude sind sie alle aufmarschiert, die Sinnenden und Nachdenkenden und Neugierigen. Jedesmal, wenn man in den Garten kommt, ist er bekanntlich neu, abenteuerlich anders, wohlfertraut und vremd.

Am Siebenschläfertag war zur Lesung geladen worden, meine „Streifzüge durch den Thüringer Kräutergarten“ passten wunderbar in die Nachmittagssonne. Obwohl doch just zu dieser Zeit eines der vielen deutschen Fußballschicksalsspiele stattfand.
Vierzig Leute waren tatsächlich gekommen; es mussten noch Stühle herbeigeschafft werden; ich las zwischen einem Schneeballstrauß und rotem Mohn. Die Deutschen führten derweil 2:1 und die Rache für Wembley war bereits gefallen, also nicht anerkannt worden. Als ich vom Königseer Hingfong las, hatte Müller das 3:1 gemacht und gerade als ich die Rasselböcke, die von den ausländischen, artfremden Wolpertingern und Jackalopes verdrängt würden, beim Wickel hatte, machte dann Müller mit 4:1 die historische Schande (aus englischer Sicht) klar.
Aus Gera war meine Lieblingsbibliothekarin herübergekommen. Manche Besucher besaßen den „Kräutergarten“ längst und entschuldigten sich für Nichtkauf, dennoch reichten die Verkaufsexemplare nicht ganz. Danach noch englischer Tee mit deutschem Rührkuchen am weißen Tisch vor unverputztem Gemäuer.

Weil Schappi, der Menschen-, Märchen und Getränkefreund aus Berlin, den Bachmann-Preis gewonnen hat, hier noch ein Zitat von ihm aus dem von burgart-Jens und mir vor zehn Jahren herausgegebenen Edel-Rotkäppchen:

Spürfalle

nach Christa Wolf


HIER! Ich sage nicht, dass ich es weiß. Ich gebe an zu bedenken, daß ich ahne. HIER, Schwester, hier könnte es geschehen sein. Dort muß das Haus der Großmutter gestanden haben, dort oder etwas daneben. Dann war es doch wohl eher dahinten, wo der Jäger in Erscheinung trat. Aber schon bin ich mir sicher, daß ich mir nicht mehr sicher sein darf. Rotkäppchen, ach, könnte ich dich befragen. Du Mädchen, du mußt es doch noch wissen, wo? Ja, woher kam der Wolf? (...)

Anmerkung: Der Text kann so lange als Schleife gelesen werden, bis ein Ausweg gefunden wird. Zwischen HIER und immer wieder HIER.“


Manche Tage zermartert man sich den Kopf. Was hast Du gestern eigentlich gemacht? Nicht den üblichen Zeitvertreibungstageslauf, sondern etwas, was die Menschheit oder wenigstens Deinen Kontostand etwas voranbringt?

Gestern war nix. Nicht mal ne Mail beantwortet, einen Brief geschrieben, ein Buch versandt. Bloß radeln, den Schwarzatalweg nach Schwarzburg. Morgens um neun begegnet mir niemand. Und niemanden überhole ich. Das Schwarzburger Bad wird gerade geöffnet, auch da bin ich ziemlich lange der einzige Gast. Heute ist dort Badfest, gegen Mittag sitzt das Badfestvorbereitungskomitee beisammen. Ich radele weiter, steil bergan Richtung Allendorf, dann hinab, vorbei an Bechstedt und Köditzberg (ein verlassener Bahnhof) nach Rottenbach. Dort ist das Waldbad voller, der Eingangsbevollmächtigte ist aufgeräumt und sagt: Bonsoir Herr Kommissar. Er versucht, badenden Mädchen klarzumachen, dass nur jeder, der sich Nudel, Ball usw. ausleiht, einen Euro zahlen müsse, dann könne er neue anschaffen und es würde für alle reichen. Ich kann doch der Gemeinde nicht mit Geldforderungen kommen; das Ganze erzählt er sieben Mal, so laut, dass wir alle an den Gemeindebadsorgen teilnehmen können.

Rückfahrt über den neuen Radweg Quittelsdorf-Blankenburg, der aber irgendwo im Nichts versandet. Habe zum Schluss gut 50 km in den nimmermüden Reifen.

Leiste dann doch noch Weltwichtiges: Höre mir die O-Töne vom Walter-Schilling-Fest an. Werde aus der Dreiviertelstunde sicherlich drei, vier, fünf passende Minuten filtern können.


Berlin roch gestern nach Linden und Weimar nach Weimar. Beim Kneipenmarathon der Literarischen Gesellschaft waren zu Beginn im „Elephant“ gut zwei Dutzend Hörer da, um „Von Liebe und Wollust“ zu genießen. In der Creperie und bei ChrisTho waren es dann schon drei Dutzend. Ich las gemeinsam mit einer Landsmännin, wie sich herausstellte; Sylvia Bräsel ist in Waldheim geboren und obliegt jetzt in Erfurt u. a. der Übersetzung aus dem Koreanischen.
Ein klarer blauer Morgen zieht herauf; werde mein Fahrrad satteln und mit Badezeug beladen.


Berlin, Kolmarer. Als ich vor zwanzig Jahren heftig für die „Weltbühne“ schrieb – grad konnte man schreiben, was und wie man wollte – hatte ich mal einen Artikel „In Sommerberlin“ drin. Vielleicht war das schlimmer, nachgemachter Tucholsky-Kitsch, aber ich bewahre die Erinnerung tief & nett im Herzen. Sommer und Großstadt war halt summer in the city – lovin’ spoonfull oder so.

Im OSSWALD haben die Kellnerinnen alle tätowierte Arme. In der Gegend hat man die Straßen per Buchstabenüberklebungen umbenannt: es gibt die „Träumer-„ und die „Flunkerstraße“. Direkt am OSSWALD steht „Möhrensalat“, welche Straße das auch immer war.

Im Kino „Die Eleganz der Madame Michel“, berührender Film, der an die Welt der Amelie heranreicht. Eine olle, knurrige Frau, die schön und schöner wird; ein verträumtes, hochbegabtes Mädchen die ihre Erwachsenen-Umwelt ziemlich gnadenlos durchschaut, ein feinsinniger japanischer Herr und ein hochherrschaftliches Haus mit ächzendem Fahrstuhl; mehr braucht man für einen komisch-traurigen Film nicht.

Drehte gestern im Zug ein paar Plapper-Locken auf der Fußball-Glatze, mal sehen, was heute (oder morgen) davon in der Zeitung steht. Das Netz verrät noch nichts. In der Kulturbrauerei nahm ich gestern noch eine gute Stunde Niederlande-Kamerun mit. Große Mengen Orangfarbige (Orang-Hüte für Orang-Utas), an der Seite ein paar Kamerunfahnen, die dann beim Tor auch heftig geschwenkt wurden. So, jetzt mitts Radd nach Raadscho.


Gestern Nachmittag fahre ich eine 30-km-Radrunde, gemein bergan, nach Remda, Kirchremda und über eine Russenplattenholperstraße nach Heilsberg, in dem mal Nazis sich tummelten und das jetzt so friedlich und freundlich wie eh und je im Talkessel liegt.

Abends im Oberhof zwecks Ehrung eines Jubilars. Nach acht sitzen die Damen draußen bei Wein und Wasser, drinnen eng gedrängt die Herren beim Bier vorm Fernseher, um ein mäßiges Fußballspiel, das viel Fuß und wenig Ball enthält und schon gar nicht spielerisch ist. Werde nachher im Zug mal darüber nachdenken, ob dem militanten Fußballanhängertum auch eine militante Fußballverachtung entspricht.

Auf meinen wenigzeiligen Leserbrief zur zunehmenden Zentralisierung des Lokalblatts bekomme ich einen laaangen Brief des Genossen Chefredakteur. Lesermeinungen sollten eine sachliche Basis enthalten, sonst könne man sie leider nicht drucken. So treffe meine Feststellung, dass Lokalausgaben vereinheitlicht würden, nicht zu. Es würden lediglich „benachbarte Lokalausgaben zu Lokalpaketen zusammengeschlossen“ und das habe – wie von mir im Leserbrief vermutet – allein produktionstechnische Gründe und würde ohnehin bald wieder geändert. „Einen Vergleich der arbeitsorganisatorischen Veränderungen in unserem Haus mit dem politischen und wirtschaftspolitischen Zentralismus in der DDR halte ich für unangemessen.“ Hätte er noch „politisch schädlich und ideologisch falsch“ hinzugefügt, hätte man den alten Genossen wieder hören können, von dem im Verbreitungsgebiet seines einstigen Organs der Bezirksleitung allerlei Artikel zirkulieren, in dem der heutige Genosse Chefredakteur den schmutzigen, dopingverseuchten, kapitalorientierten Sport der BRD geißelt, während er die Überlegenheit des sozialistischen Sportförderung in der DDR lobt.

Es gibt einen großen Unterschied zu früher. Damals wurde man in jeder dritten Zeile als „Genosse“ angesprochen, gleich ob man dem Klüngel der Genossen Redakteure angehörte oder nicht. Jetzt ist man ständig der „sehr geehrte Herr Biskupek.“ Geblieben ist die Macht: was gedruckt wird, bestimmt meine Bezirksleitung in meiner Parteilichkeit, resp. meine Unternehmensgruppe in meiner demokratischen Umsetzung.


Kein origineller Traum: Soll vor einer großen Menge eine Freiluft-Lesung machen. In Hofheim, Hofstadt oder Hofburg. Warum weiß ich den Namen nicht genauer, beschimpfe ich mich im Traum. Bin seit geraumer Zeit auf Lese-Tour unterwegs und lese am Anfang immer einen Zeitungstext vor, den ich auch griffbereit habe. Doch ich habe eine andere Zeitung als sonst zur Hand. Mein Text steht nirgendwo darin. Ich suche in der Zeitung herum; die Masse bleibt dennoch ruhig. Ich blättere alles durch, beschwichtige, sage, dass ich heute mal mit einem Text aus einem Heft anfange. Aber auch das Heft ist nicht zu finden. Ich greife nach einem Buch; ich habe nur lauter mir völlig unbekannte Bücher dabei…

Finde in der Hauptstadtzeitung, dass es im Knast Burg einen „Tag der Offenen Tür“ gab. Man konnte dort Sitzkissen mit der Aufschrift „Hier sitzen Sie sicher!“ erwerben. Freund Röhl dürfte diese Funde längst in seinen Programmen mit Betonung aufsagen.

Im Lokalblatt stehen Meinungen von Schülern, wie sie morgens mit dem Rad in die Schule kommen. Probleme haben die, denke ich und beobachte beim Stehradeln genauer, wie die Schüler zum Gymnasium kommen. Es führt nur eine schmale Einbahnstraße an der Schule vorbei, aber genau das ist das Problem: Die Radler müssen gegen die Einbahnstraße fahren, was wiederum kein Problem wäre, wenn die Autos langsam und in Randlage führen …



Brief ans Frauenzentrum Weimar


Sehr geehrte Christiane Kloweit,
Sie haben einen langen Brief an den Kulturredakteur der TA gerichtet. Es geht um meinen Text zum „Fest der Leidenschaften“, von vier Thüringer Schillerstädten. Aus Jena, Rudolstadt und Meiningen waren je drei bis fünf Gruppen vertreten, aus Weimar die Ihre. In meinem Texte hätte ich nur 17 von 405 Wörtern über den Beitrag des Weimarer Frauenzentrums verloren. Sie teilen mit: „Wir erwarten aber für einen Totalverriss zumindest eine Begründung, den Nachweis der behaupteten schlechten Qualität in Darstellung, Bühnenbild, Musik, Kostüm.
Denn auch eine Rezension ist als journalistischer Beitrag Publikum und Rezensierten konkrete Information schuldig. Andernfalls liefert sie nur das Urteil des Rezensenten, das sich Leserinnen und Lesern begründungslos als absolut aufdrängt.
Obwohl die Befindlichkeit des Kritikers so gestaltet zu sein scheint, dass sein Vermögen, ein Urteil zu begründen, von drei Jugend-Theaterbeiträgen bereits erschöpft war, fordern wir - auf die Gefahr hin, sein Befremden zu vergrößern - als Frauenprojekt gleiches Recht für alle. Wir sind uns sicher, dass der Kritiker keinen Gedanken an Frauendiskriminierung verschwendete. Das wäre ein zu hoher Aufwand gewesen, wo es genügt, ein Frauenzentrum kurz in die Druckerschwärze zu ziehen.“
Nun, liebe Frau Kloweit, Ihr Text ist zu Recht zunächst an den Redakteur gegangen. Denn von mir waren reichlich 4000 Druckzeichen gewünscht worden. Ich lieferte 4283. Darin waren 363 Ihnen gewidmet, was 8,5% des Gesamttextes ausmacht. Da nicht vier, sondern 17 Gruppen beteiligt waren, hätten Ihnen nur 5,8 % zugestanden.
In der dann gedruckten 3000-Zeichen-Fassung verblieben für Sie in der Tat lediglich 17 Worte oder 111 Zeichen. Schicken Sie also dem strichführenden Redakteur einen Brandbrief. Ich liefere Ihnen gern die fehlenden 252 Zeichen nach – aber würde das Ihren Unmut besänftigen? Würde das gar „Darstellung, Bühnenbild, Musik und Kostüm“ beschreiben können? Mein Vermögen, ein Urteil zu begründen, geht ein wenig über drei Jugendgruppen hinaus – in Wirklichkeit traten vor Ihnen an die zehn auf, von denen zwei im Alter – ich will keiner Gruppe zu nahe treten – über der Ihren angesiedelt waren, und eine, wie Sie schreiben, „auf klassische theatralische Mittel setzte(n)“. Nach Ihrem Auftritt traten nochmals drei Gruppen innerhalb eines Auftritts an, die sich auch noch in meinen Text drängelten…

Liebe Frau Kloweit, hätte ich geschrieben „Ganz besonders ergreifend die blauen Frauen aus Weimar“, so hätten sie diese gar nur acht Worte keinesfalls zu einer Stellungnahme herausgefordert, obwohl sich auch dann mein Urteil „Leserinnen und Lesern begründungslos als absolut aufdrängt“.
Gleiches Recht für alle? Wenn der Kritiker „keinen Gedanken an Frauendiskriminierung verschwendete“? Schreiben Sie einfach, liebe Frau Kloweit, dass Sie Lob wünschen, oder, wie es früher mal hieß, statt „Kunstkritik“ eine „Kunstbetrachtung“.
Im übrigens ist mein ungestrichner Gesamttext samt allen 363 Ihnen gewidmeten Zeichen bei den Veranstaltern deponiret worden und wird dort noch in Äonen als Beispiel für „geringschätzige, hämische Abwertung“ stehen.

In diesem und in Schillers Sinne
grüße ich Sie herzlich
Ihr Matthias Biskupek



Beobachtung am Morgen

Nach Arno Holz


Die Süßkirschen vorm Balkon werden gelb
Vorm Balkon werden die Süßkirschen gelb

vorm balkon
werden
die süßkirschen
gelb


Das Wetter hielt sich, der letzte Literatur-Tag auf Ranis fiel nicht ins Wasser. Der Literarische Brunch mit einem sehr launig plaudernden und lesenden Landolf, mit Stieberts gscheiten Einlassungen und Stegmüllers Krimi-Anfang, der vielleicht ein bisssel ironisch oder gar ein bisschen kitschig war, blieb hübscher Auftakt. Nur die Brunch-Lieferer müssen noch sehr viel lernen. Die Provinz ist eben nicht blöder als sog. Hauptstädte.

Nachmittags im Teehaus in Westerheides Garten, natürlich bei grünem Tee. Dann Hametners Literaturcafe wieder auf der Burg oben, spannend und witzig, mit einem gut aufgelegten Ingo Schulze. Wenzel und Hein wenigstens noch begrüßt, aber der Abend wär zu lang geworden; manchmal muss der ältere Mensch auf seine innere Stimme hören, die ihm sagt (unverständlich).

Heute Briefe, lange Briefe , weil wir den längsten Jahrestag haben. Und kurze Texte, weil die kürzeste Nacht folgt. Oder war sie schon? Egal, kurz, wie lang.


Obwohl der Wettergott im Knast sitzt, hatte er gestern ein Einsehen. Es war zwar arschkalt, um in Molières Stück-Sprache zu bleiben, aber der Regen blieb weit oben überm Saaletal. Beim „Eingebildeten Kranken“, dem Sommertheaterstück auf der Heidecksburg, waren hoffentlich alle warm angezogen, um nicht heute uneingebildet krank darniederzuliegen. Ich trug vier Kleiderschichten, ließ aber lieber die Premierenfeier aus, zumal es nicht gut ist, wenn man von euphorischen Theatermenschen beim Rezensieren beeinflusst wird. Das habe ich heute morgen aber schon hinter mir: Die Rezension des stimmgewaltigen Stücks.

Jetzt, kurz nach acht, ist die Temperatur soeben zweistellig geworden; der Himmel sieht blauweiß aus. Nord- und süddeutscher Regen stört vermutlich den letzten Tag des Raniser Literaturfests nicht. Niederschlagswahrscheinlichkeit 10 %; Höchsttemperatur 15 Grad. Schafsdämliche Kälte. Ich war in diesem Jahr noch überhaupt nicht bei den Literaturtagen und habe fast ein schlechtes Gewissen. Mal sehen, wie lange meine Konstitution (Eingebildeter Kranker!) heute mein Bleiben dortselbst ermöglicht.


Ei wei, noch kein Tagebucheintrag geschrieben, stelle ich grad fest, als ein Anruf kommt, der die Lesung zu den Landesliteraturtagen Sachsen-Anhalt festklopft. In einem Orte namens Teicha, hinterm Petersberge. Das kann ich jetzt gleich in den „Auftritt“ stellen.

In Ranis toben die Literaturtage seit vorgestern; ich habe bislang geschwänzt, aus persönlich-humanitären Gründen, weil ich heute abend ja in die Kälte der Heidecksburg-Freilichtbühne muss und morgen vielleicht doch bei guter Xundheit etwas Ranis mit Burgatmo wahrnehmen will. Im übrigen habe ich nichts dagegen, zur Mittsommernachtszeit einen wolkigen Himmel und gemäßigte Temperaturen zu erleben.


Ich muss nicht den Bundespräsidenten wählen.
Ich muss keiner führenden Partei angehören.
Ich muss mich nicht um Aktienpakete kümmern.
Ich kann an „Kraft“ mit Wehmut und Freude denken, weil ich nicht „Hannelore“ sondern „Gisela“ vor Augen habe.
Ich muss kein Gewicht auf mein Gewicht legen.
Ich muss nicht, aber kann dichten.
Ich muss nicht verzweifeln, wenn Fußballdeutschland heute mal nicht gewinnt.


Die Schweiz
Hat eignen Reiz
Wie jeder weiz

C
H
I
L
E
!
!
Kap Hoorn
Macht Gute Hoffnung

Ach Bafana Bafana
An Dich gloobt nu kaana
Wie ooch anne Hondurana
Aba Uruguay
Is hei

Nur spanisch
Reimt sich
Auf panisch


Unserem Lokalblatt schicke ich heute folgenden Leserbrief:

Politisch korrekt wird allerorten über den Unrechtsstaat DDR berichtet. Doch warum übernimmt man dann ständig Details aus dem Unrechtsstaat? Zum Beispiel die übermäßige Zentralisierung. Der Untertitel der OTZ lautete bislang hierorts „Zeitung für Rudolstadt und Umgebung“. Jetzt heißt sie „Zeitung für Saalfeld, Rudolstadt und Umgebung“. Passend dazu bringt die heutige Lokal-Titelseite acht Beiträge zu Saalfeld und einen zu Rudolstadt. Im Service-Teil findet der Leser zunächst die vier Filme, die das Saalfelder Kino anbietet, ehe er die sieben Filme im Rudolstädter Kino entdecken darf. Auch die Bildnachricht für Rudolstadt erklärt, dass die Thüringer Symphoniker morgen in Saalfeld spielen.
Sollte folglich im Zeitungstitel demnächst nicht zukunftsweisend verkündet werden: Zentralorgan für Gera und Umgebung? Oder politisch korrekt, im Sinne der deutschen Einheit, wahrheitsgemäß und sprachlich modern: Newsdesk für Stuttgart and around.

In der TA gab’s gestern einen größeren Aufreger. Henryk Goldberg hatte zum „inneren Reichsparteitag“ geschrieben, klug und ironisch, wie nicht anders zu erwarten. Weil es um Sprache ging und er eine kleine Unkorrektheit im Text hatte, schrieb ich einen Kommentar. Als ich am Abend ins Netz schaute, ob man meinen Kommentar eingestellt hatte (war drin!) hatten sich die Kommentare gehäuft; H.G. wurde heftig beschimpft, so von einem „nerz“:
„Ist Ihnen vielleicht mal aufgefallen (außer wenn Sie unser Land schlecht machen), daß diese Gesellschaft nicht informiert wurde/ist?? Sie erdreisten sich diese Gesellschaft durch die Bank gedankenlos zu beschimpfen! Ich behaupte, Sie lügen, Sie lügen mit Absicht! (…).Ihr Werdegang der letzten Jahre steht dafür den Generationen nach Adolf auf immer ein schlechtes Gewissen einzureden und wie die Vergangenheit zeigt, dieses im Rahmen der jüdischen Verbände gut bezahlen lassen! (…) Sie sind in dieser Gesellschaft eine Belastung, natürlich auch für die Leser dieser Zeitung!“

Früher hat man die Belaster gleich radikal abgeschafft, jetzt sollen sie vorerst aus der Zeitung verschwinden. Tja, Thüringen hat nicht nur Bürgermeister wie einen gewissen Köllmer in Arnstadt, sondern auch Netzschreiber wie „nerz“. Aber die Gefahr von rechts nimmt angeblich ab…

Was gab’s noch in den Medien? Sah die letzten zwanzig Minuten von Brasilien-Nordkorea. Mehr musste man auch nicht gesehen haben, wie Kommentatoren meinten. Im übrigen ist das Fernsehen seit gestern Kabel-Fernsehen.


Berlin, Kolmarer. Die Mohrenstraße war gestern abend weiträumig vor der Thüringer Landesvertretung abgesperrt. Am Eingang wurde freundlich kontrolliert – nur bitte mit Einladung Zutritt. Drinnen Buden, Stände, Tischreihen und Bühnen, fein sorgsam aufgebaut. Die Früchte des Landes: Wein (Kerner von Bad Sulza) und Bier (Oettinger aus Thüringen?), Porzellan in großen Mengen. Bratwürste, Brätel, Kartoffelpuffer mit Apfelmus und Kuchen wurden allerorten feilgeboten, nee, stimmt nicht: das meiste war kostenfrei. Die Sommerfeste der Vertretungen als Möglichkeit, den Hunger nach Durst in Berlin wirkungsvoll zu bekämpfen …

Der Kreis Rudolstadt-Saalfeld schien mir ziemlich ausufernd vertreten – es hatte wohl mit den 250 Jahren Porzellan zu tun. Kräuterländler allerorten, von Bürgermeister und Pressesprecher bis Land- und Bundestagsabgeordneten. Ja, guten Tag, schön, Sie hier zu sehen (Beiseite: Interesse heucheln!). Natürlich das Cafe Brömel. Natürlich Kati Zorn. Die Weinkönigin Elvira vom Weingut Zahn machte mir noch mal Komplimente zu meinem Wein-Krimi. Was soll ich hingegen einer schönen Weinvertreterin für Komplimente machen?

Politiker in Menge in der Menge, Bodo Ramelow mit Germana und Attila (trägt Namensschild) unweit von Christoph Matschie; Wolfgang Thierse nahm vermutlich Sitzblockadenkomplimente entgegen. Natürlich die Thüringer Regentin, die sah ich aber nur auf der Bühne stehen. Die Bundespräsidentenkandidatin, die ja Thüringer Bundestagsabgeordnete ist. Die Vergangenheit des Landes war in Form von Vera Wollenberger-Lengsfeld und Hartmut König zu sehen. Ist H. K. Thüringer? frage ich ihn. Nee, aber er hat Freunde.

Wirkliche Freunde sind auch da. Fotograf Korall, der bald für drei Monate in Georgien untertauchen wird. Moni aus ganz tiefer Vergangenheit. Zeitungsmenschen, die auch Freunde sind. Dichterfrauen, die auch Freundinnen sind. Irgendwann sitzt man dann doch in der Nacht beim Weine, die letzten Fußballspielminuten rauschen in der Sommerfest-Ecke über den Großbildschirm und die fünf Kilometer durchs nächtliche Berlin lassen spüren: es ist wirklich und wahrhaftig Sommer. Heut morgen bei bedecktem Himmel noch 16 Grad plus.


Berlin, Kolmarer. Das schwarzrotgüldene Wesen hält sich am Vormittag in Berlin noch zurück, obwohl doch das Vierzunull gestern auch für mäßig patriotische Wesen recht nett war. Vor fast vierzig Jahren erklärte man mir in der Sowjetunion: Kleine Nationen sind nationalistisch, große hingegen, wie die UdSSR oder die USA patriotisch.

Während gestern Slowenien (klein) gegen Algerien (Teil der großen arabischen Nation) auf nationalistische Weise gewann, war für unsereinen Radsport angesagt. Cumbach (leicht ansteigend) Catharinau (flach), Langenschade (ansteigend), Langenschade (ansteigend), Langenschade – ist schließlich lang (ansteigend), Reichenbach (ansteigend), Hangeiche (ansteigend), Kirche Weißbach (steil fallend), Weißbachklause (Radler), Weißen (fallend), Etzelbach (flach), Kirchhasel (flach), Schillergarten (Belohnungsbier).

Was noch geleistet? Fünfzig Seiten Korrektur gelesen. Zeitungen gelesen. In der TA meinen Text zu den Schiller-Leidenschaften mit Radierungen des geschäftsführenden Theaterkritikers (er braucht ja auch bissel Platz) gefunden. Im Berliner Briefkasten keine Werbung vorgefunden. Das Land steckt tief in der Krise und im Fußball-Hoch.


Es lächelt der Tag, er ladet zum Rade – aber erst nachmittags. Jetzt ist noch bissel zu tun; Bahnfahrkarte im Netz kaufen, ein Abo bezahlen, was dichten für die fleißigen Tagebuchschreiber der Thür. Allgemeinnützlichen. Bis gestern tobte in der Stadt noch das „Fest der Leidenschaften“, mein Senf dazu ist abgegeben. Im Fernsehen tobte England gegen USA - und die Engländer hatten schnell abgetobt. Auf der Dittrichshütter Höh tobte gestern ebenfalls ein Fest - eines für Walter Schilling. Ich hoffe auf O-Töne von dort, damit ich irgendwann im Spätsommer dazu einen Essay für FIGARO basteln kann.
Dieser löbliche Sender bringt heute abend meine Geschichte zum „Tollen Jahr“, heute morgen sendete er Albert Wendts „Vogelkopp“ mit Böwe, Bendokat … was für Zeiten, als die besten Schauspieler Kinderhörspiele sprachen.

Eine olle Wallenstein-Ausgabe für meine gestrige Schreibe liegt noch auf dem Tisch herum, vorne der Stempel „Gerhard Biskupek“, aus der „Jaeger’schen Sammlung deutscher Schulausgaben für höhere Lehranstalten Nr. 8/9“. Eine Jahreszahl war damals nicht vermerkt nur der Vermerk „Sämtliche Rechte vom Verlage vorbehalten“. Heute müsste drinne stehen, dass lediglich für Vorwort, diese Zusammenstellung etc. die Rechte vorbehalten sind – denn Schiller war auch vor hundert Jahren schon hundert Jahre tot und folglich frei.


natürlich viel zu viel durcheinandre Dinge, die ich auch nicht aufzählen will und darf (wg. Tatenschutz). Zuöberscht aber gibbes drei pfarbige Stimmzettel, ein vollgekritzelter „Platz für Deine Notizen“ und Programmzettel von gestern abend. Daderdrüber muss ich jetzt was Zeitungiges schreiben, drumme höre ich jezze auf.


Am frühen Morgen ist die Welt noch kühl und in Ordnung. Vom Erdbeerhof Gebesee gibt es das Kilo Erdbeeren für 4,90. Neben dem Steuerberatungsbüro öffnen die Läden und Lädchen; heute nur eine TLZ bei der Zeitungstante. Im Büro gibt es die Erklärung für 2009. Allerlei Unterschriften und ein freundliches Gespräch über die anhaltende Bürokratie – nein, kein böses Wort zum Finanzamt, aber natürlich fragen Verlage, warum ich zwei Steuernummern hätte. Das Finanzamt wechselte schon vor Jahren von Rudolstadt nach Pößneck – das gibt eine neue Steuernummer und noch immer anhaltende Verwirrung bei Verlagen.

Die jüngste Druck-Schreib-Spielerei wurde vom Webmaster sehr ordentlich eingestellt (bei „Schöne Bücher“ gucken und ganz runter rollen, dann auf den Titel klicken). Gestern abend gab ich den Beleg dazu meiner Brief- und Gedanken-Partnerin I. A. Natürlich ist sie keine Eselin; würde sie sonst Bücher mit mir machen?

Im Cafe Wagnergasse zu Jena gab’s die traditionelle (? Zum fünften Mal?) Preisträgerlesung vom Jungen Literaturforum und dem Eobanus-Hessus-Wettbewerb. Die Straße war ein einziger langer Biergarten – drinnen saßen dennoch allerlei Studenten, die ihresgleichen hören wollten. I. A. und ich gaben uns Mühe, höflich anzusagen und brav auszufragen und nicht immer wissen zu wollen: Warum studierst Du denn nun Germanistik? Mir fällt auf: Man liest viel disziplinierter und publikumswirksamer als vor zehn, fünfzehn Jahren. Damals nuschelten Jungdichter in sich hinein, Poetessas strichen neckisch Haarsträhnchen aus dem Gesicht. Jetzt hat poetry slam eine Änderung bewirkt: man weiß, man kann mit – gutem – Lesen mehr Eindruck machen, schneller einen Namen bekommen und vielleicht sogar etwas Geld verdienen, als mit dem Kämmerlein-Dichten. Die Musiktruppe „Hörbücher“ spielte auf; manchmal heißt sie auch „Seelenküche“. Von Hörküche bis Seelenbücher und Küchensäle sind weitere Neugründungen möglich.


In der Platane gegenüber zwitschert es. Die Eisenbahn dröhnt im Saaletal. Saitenzupfen. Der Schäferhund von Hümpe bölkt, statt zu bellen. Das Gymnasium wirft es als Echo zurück. Zwitschern. Ein Fiat biegt um die Ecke. Die Katze huckelbuckelt immer zengsdengeleng. Das ist unhörbar. Keckern im Hain. Frauenlachen an der Käseglocke. Ein BMW rast lärmend die Weinbergstraße entlang. BMW, Rasen, Lärm - Tautologien. Glockenschläge. Zwei. Halb neun? Stille. Vogelzwitschern. Stille. Selbst Uwe Brix sagt nix. Vom Betreuten Wohnen ein Grölen. Oder Verzweiflungsschreie? Unten im Garten wird Wasser in eine Gießkanne eingelassen. Exotische Töne, vielleicht von einem Didgeridoo. Wieder Eisenbahn. Langsames genussvolles Schlürfen. Am Weinglas. Ach so, das bin ja ich.


Heute steht Sklaven- und Popelarbeit bevor. Die genaue bibliographische Auflistung so ziemlich aller meiner Veröffentlichungen. Der Knebel-Verleger verlangt dies. Nun muss ich fast jedes Buch autopsieren: Was steht vorne drinne: Eulenspiegel Verlag? Oder Eulenspiegel Verlag Berlin? Im ersten Fall muss der Verlagsort Berlin, durch Komma getrennt, angeschlossen werden … aber im Buch-Impressum steht jedes Mal: Eulenspiegel – Das Neue Berlin … Gütersloh gibt’s als Verlag auch nicht. Nur Gütersloher Verlagshaus. Ja und wann wurde DeutschlandRadio Berlin zu DeutschlandRadio Kultur? Im März 2005. Also müssen meine Sendungen vor diesem Datum … na gut.

Gestern schnippelte und schnappelte die Hausgemeinschaft in bester Subbotnik-Tradition am frühen Abend fleißig im Garten, häufelte die Schnittmengen und begradigte, wo es krumm war. Ich war befreit, weil: „Isch habbe Rüücken!“ Doch beim Abschlussgespräch unterm Blätterdach durfte ich meinen Senf hinzugeben, nee, es gab keine Bratwurst mit Senf, sondern von der Hausbesitzerin spendierte Pizza, dazu Kaltgetränke. Das Abschlussgespräch endete kurz vor Mitternacht.

Heute morgen lag das tff-Programmheft im Briefkasten. Kann nachlesen, was Kollege Christoph Dieckmann zu 20 Jahren Tanzfest sagt. Was ich dazu sagte, weiß ich ja, aber das Bayon die Ehren-Ruth bekommt, hatte ich noch nicht mitbekommen. Auch steht im Heft Genaueres über das Symposium „Eine Welt für Musik“, für das ich am 1. Juli das Tagesfazit schreiben darf.


Es ist wieder die Zeit gekommen, da man morgens und abends oben und unten die Fenster aufsperren muss, bis die Temperatur unten auf 20, oben auf 22 Grad gesunken ist. Natürlich ist das ungemein besser, als morgens und abends und stets und ständig die Fenster geschlossen zu halten, damit die Wasserwogen nicht alles pitschepadenass machen.

Gestern abend war zudem Balkonwetter – wo wir, das heißt ein Großteil des Theatervereinsvorstands, saßen und nicht nur den von einem rührigen Vorstandsmitglied spendierten Geisterseher-wein (Grüner Silvaner) verkosteten, sondern auch fein sorgsam die Stimmzettel für die „Caroline“ häufelten, zählten, verglichen und protokollierten. The winner wird am 19. verkündet.

Das Morgenblatt enthält eine dicke Beilage zu „20 Jahre Zeitungsgruppe Thüringen“. Der angepasste und bestens gewendete Ost-Chefredakteur darf sich ausbreiten, der aufbauhilfswillige West-Chefredakteur ebenfalls. Nur die größte Zeitung Thüringens zieht sich fein säuberlich aus der Affaire, da deren Chefredakteur ja zu intelligent und charismatisch war für die biederen Gschaftlhuber. Also lässt man den Theaterkritiker etwas zu Nutz und Frommen der Kultur schreiben. Kultur – und nu isses aber ooch gut!


Berlin, Kolmarer. Gestern dreißig gen Westen, heute zwanzig Kilometer gen Radio durch Berlin zurückgelegt, alles auf dem guten ollen blauen Kettler. Dabei kam ich gestern mitten in eine von der Grünen Liga veranstaltete Radsternfahrt. Auf der Feiermeile zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor wurde rein ökologisch gefeiert, und von überall her waren Radler gekommen. Die Sturzhelme drängten sich und windschlüpfrige Waden ebenso. Grad hatte ich noch vor der Staatsoper „Manon“ zugehört – es gab dort eine Großbildleinwand, wie fürn Fußball. Dann kam ich mitten in einen Pulk, ein Peloton der Giganten der Landstraße, wie Heinz Florian unnachahmlich zu formulieren wusste. Und dann muss man einfach der Masse folgen …

Eine Mail aus der Vergangenheit. Vor über zwanzig Jahren recherchierte ich über „Fahrendes Volk“, unter anderem bei der Rüstzeit eines Schaustellerpfarrers. Er schrieb mir jetzt, er habe seit damals überhaupt nie mehr etwas von mir gehört, sei jetzt pensioniert in Deutschlands Nordwesten und durch Zufall auf meine Netzseite gestoßen. Ob denn das Buch damals ein Wende-Opfer wurde? Ja, das Buch ja, aber nicht die einzelnen Texte, die in Magazinen, Zeitungen und im Radio in handlichen Einzelteilen landeten. Nur der Zirkuspfarrer lagert ungedruckt ab …

Die „Buchstabenwüste“, die aber richtig „Aus dem Setzkästchen geplaudert – Durch die Buchstabenwüste korrespondierten Ingrid Annel & Matthias Biskupek“ heißt, wurde mir vom Schwarzdrucker geliefert. Nun habe ich einen Karton zum Verschenken und Ingrid ebenfalls. Nur stehen beide Kartons halt in Berlin.

Vom Weingut Zahn höre ich aus mehreren Mail-Mündern, dass es einen großen Massenandrang am Samstag bei der Krimi-Lesung gab, sogar Fernsehen sei da gewesen, und am Mordufer der Saale sei dann die Weinverkostergemeinde mit Schlauchbooten abwärts geschippert.

Gestern Nachmittag und abend mit wechselnden Sprechern und Zuhörern am Spreeufer bei Alster und Harzer Käse und bei Berlins traditionsreichstem Russen bei Sakuska und Tee. Die Themen: Das junge Musikwesen und das eingefahrene Parteiwesen, das sich entwickelnde Familienwesen und die unentwickelte Solidargemeinschaft aller Bundesrepublikaner, um nicht fälschlicherweise aller Deutschen zu sagen.


Die Presse wird es morgen hoffentlich melden – zumindest Freund Frank wird es in die TLZ setzen: Die alte, also junge Thüringer Schriftstellerverbandsvorsitzende ist auch die neue. Anne Gallinat. Der Vorstand ist etwas erweitert worden; noch immer Ostthüringen in der Mehrheit, aber Südthüringen hat jetzt zwei Plätze, Zentralthüringen ebenfalls zwei und Westthüringen einen. Das war gestern das Ergebnis unserer Wahlversammlung im „Alt-Weimar“.

Mit dem Zug von Weimar nach Mahlsdorf, dort bei der Familie eines Kollegen sanft marinierte Hühnchenteile mit Tomaten und Oliven, Brot, also Stulle und Zitronen-Wasser am Gartentisch in der Abendsonne. Töpferei und Handwebstuhl daneben. Werde dann ins benachbarte Neuenhagen kutschiert; ein wichtiger Dichter hat seinen Fahrer. Das petit cafe ist der Neben-Raum eines Handy-Ladens, etwa alle vierzehn Tage gibt’s dort Kultur. Wie überall: Ein rühriger Mensch ist die Seele vons Janze. Soso: Regina Thoss und Lothar Wolf und Gojko Mitic und Giso Weißbach. Ich stehe jetzt also auf dem Berühmtheitstreppchen nur kurz unterhalb von Regina Thoss. Dreißig Leute passen ins Cafe, die saßen auch auf Sofas und in Sesseln und an richtigen Tischen, bekamen in der Pause einen „Theaterteller“ und hörten brav zu, was ich an ollen Kamellen vorzulesen hatte.

Von der Krimi-Lesungs-Wanderung gestern im Weingut Zahn Kaatschen hörte ich noch nix. Natürlich würde ich zu gern dies vernehmen: Nein, war das ein wunderbarer, spannender, voller süffiger Weine gepackter Krimi! Von diesem, na, wie hieß der Autor gleich: Paul Watzlawick? Matthias Matussek? Lothar Bisky? Na, jedenfalls von einem berühmten Menschen, der sogar schon mal in Neuenhagen aufgetreten ist.


Der Himmel blau, die Herzen rot.
Das ist der Kälte schönster Lohn.
Der Mohn steht längst in Blüte.
Das Gras macht Wölkchen erster Güte.
Der Himmel hoch, die Sinne flau,
Im heißen Herzen sitzt der Tau
Als Tröpfchenemulsion.


Als gestern am Nachmittag der Regen aussetzte und sich hernach mehrere süße Sonnenstrahlen durch die Wolkenberge zwängten (was habe ich eigentlich gelesen? Dieter Moor?), setzte ich mich zum ersten Mal wieder aufs Fahrrad, rollte ein paar Kilometer und war’s zufrieden. Das Biodach auf dem Radschuppen zeigt überaus plastisch eine Bio-Landkarte mit gelben Bergen, grünen Tälern und feldgrauen Rinnsalen.

Was ist das besondere am sächsischen Essen? Darüber durfte ich gestern nachdenken und das Ergebnis in dreißig Zeilen bzw. zwei Minuten zusammenfassen. Und weil heute Karl Valentin Geburtstag hat, sei noch vermerkt, dass die Karl-Valentin-Gesellschaft, zu der ich unverdientermaßen gehöre, zu einem Treffen am 11. 11. 2010 ins Valentin-Stüberl beim Spöckmeier einlädt. München ist weit und der November liegt zudem etwas außerhalb.


Am Dienstag starb er; heute haben auch die westlich-deutschen Feuilletons davon Kenntnis genommen. In Thüringen ist er Redakteuren unbekannt.

Die Sammlung „mitternachtstrolleybus“ von 1965 schleppte ich seit damals durch alle wechselnden Wohnungen. Daraus etwas Andrej Wosnessenski, von Bernd Jentzsch nachgedichtet:

Das Muromer Holzhaus

Hölzerne vier Wände
hölzerner Kumpan,
zur Faust geballt die Hände:
Balkeneckorgan,

das All blickt wie ich in Finsternis,
sein Kinn auf die Faust getischt,

Vorfahr, mein Holzhaus, warum die Trauerlitanei
über der bemoosten Bank wie aus der Schalmei?

Wer belog dich: Ich habe deine Liebe zertreten
in elektroeleganten Städten?

Liegen. Und denken. Und schweigen.
Weinen ist Männern nicht eigen.

Wie oft schlug mein Kummer Kobolz
an deinen Fingern aus Holz?


Elf Grad, Nieselregen, eine graugrüne Juniwelt. Und im Radio muss ich hören, dass Horst Köhler bei Ostdeutschen beliebt gewesen sei. Sergej Lochthofen befragt man dazu, und er redet ein bisschen drumrum, widerspricht dieser merkwürdigen These von der offensichtlich besonderen Blödheit der Ossis aber leider nicht direkt. Wiglaf Droste aus Ostwestfalen bleibt es eine halbe Radiostunde später vorbehalten, das merkwürdige Satzgeflecht des Hotte K. auseinanderzudröseln. Und da wird mir deutlich, warum die Umfragen vielleicht doch recht haben. Köhler erinnert mit seinem Geschwafel an das Parteikaderwelsch, das leider zu lange Offizial-DDR-Sprache war. Somit findet der tumbe Ossi womöglich ein bisschen Heimat im kleingeistigen Großmachtsgerede des H.K.

„Das große Fressen“ heißt ein schöner Band der Edition Ornament von Ursel und Siegfried Schütt. Ich leiste mir die Vorzugsausgabe mit Originalgraphik von Horst Peter Meyer.

Von der TA und „Ossietzky“ gibt es Aufträge. Der karge Arbeitsplan an der Wand füllt sich. Eine Rechnung darf ich auch schreiben; das ist eine zwar öde, doch überaus befriedigende Arbeitsaufgabe. Nur noch übertroffen von der Unterschrift auf einem hübschen Vertrag voller hübscher Summen. Dies allerdings ist eine viel zu seltene Übung.


Gestern am Küchentisch in der Camsdorfer Straße zu Jena. Fünf Juroren und ein Protokollant beschließen die fünf Finalisten zum Menantes-Wettbewerb. Von immerhin über 600 Einsendungen, die viel Schweiß, viel Brunst und viele Nippel enthielten. Würde jetzt noch das Wetter etwas wärmer, könnte man anhand der Manuskripte schöne Schäferspiele im grünen Gras neben rauschenden Bächen und mit vielen Vögeln – nein, vor dem V steht kein m – treiben.

Am Abend Stammtisch, der erste, von Lese-Zeichen bei Grünowski. Nachdenken über Wolfgang-Hilbig-Veranstaltungen – der wäre im Herbst siebzig geworden und weil er aus Meuselwitz stammt, gilt er als Thüringer, obwohl alle immer wieder sein schauderhaftes sächsisch an- und bemerkten.

Blieben noch die Worte des Tages: Köhlerliesel, Köhlerglaube, Steigerung von Kohl und (Achtung, schlimmer Kalauer!) Köhlnisch Wasser. (sog. Krokodilstränen)

Ältere Einträge


Haftungshinweis: Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.