Tagebuch




ich muss es Dir mal sagen, mein liebes Tagebuch. Ich kann heute, mein liebes Tagebuch, keine Zeit mit Dir verplempern. Es sind nämlich, mein liebes Tagebuch, draußen im Moment minus 15 Grad und ich muss mich endlich an die MDR-Figaro-Sendung machen. Was beides miteinander zu tun hat? Ach, mein liebes Tagebuch, alles hat doch mit allem zu tun. Auch wenn die Sendung erst im April, bei Plusgraden, über die Hörer kommen soll, muss ich mich dennoch sputen. Vorher ist Buchmesse, Urlaub und anderer Krempel zu erledigen. Und mit Dir allein, mein liebes Tagebuch, wird das nix mit Lebensunterhalt. Sieh mal, mein liebes Tagebuch, wenn jeder tägliche Leser von Dir nur zehn Cent abdrückte, hätte ich immerhin das Mindesteinkommen. Aber, mein liebes Tagebuch, kein Schwein drückt ab! So rutsche ich immer weiter ins Minus. Und darum, mein liebes Tagebuch muss ich jetzt schließen.

Ich wünsche Dir, mein liebes Tagebuch, einen schönen Tag. Mit schönen Minusgraden.



Frühmorgens, wenn die Wasserhähne frieren
Ziehn wir im Frühtau zu Berge
Es leuchten im Garten die Zwerge
Es prunken beim Tischler die Särge
Wie gut tut uns doch der Handel mit Nieren

Am Mittag stehn die Erfolgszahlen Schlange
Ziehn uns ein Stücklein nach oben
So wollen wir alles auch loben
Was bös ist, wird abwärts geschoben
Wie gern halten hin wir die andere Wange

Zur Nacht, da wird noch ein Gläschen getrunken
Ein Gläschen auf Frieden und Freizeit
Denn heute gehört uns die Teilzeit
Und morgen tun wir dann der Welt leid
Wie schön wird ins Grab, das kühle, gesunken

Dies der nächste der jahreszeitlichen Texte von 1996, die NICHT bis in die Rose-Schwartz-Sammlung gelangten. Ein „Hinterwäldliches Liederhandbuch - Zwölf Lieder zu den zwölf Monaten“. Der gestaltende Künstler hatte Initialen-Wünsche: Die Liedtexte sollten entsprechend dem jeweiligen Monatsnamen alliterierende Titel haben.


Der Schulhausmeister fegt die dünne Schneeschicht vom Gehweg in der Großen Allee mit langsamen Bewegungen. Strich für Strich. Er hat einen breiten, rotborstigen Besen. Vor Jahrzehnten nannten wir solch Besen in Mittweida Pyasapha-Besen. Ich habe das Wort nie geschrieben gesehen, mir es aber so gedacht: fremdartig, plastetechnisch. Jetzt schaue ich nach – es ist ein Piassava-Besen. Nach einer brasilianischen Pflanze benannt. Man kann also auch nach 55 Jahren noch die richtige Schreibweise lernen.

Von der Zeitungs-Drucks-Front gibt es auch Neues. Die Seite 3 ist meist so etwas wie der eigenständige Ausweis eines Blattes. Hier steht, was in anderen Zeitungen nicht steht. Das Imperium bietet heute einen großen Beitrag über Kälte und Minusgrade im Freistaat. Da wird immer von „unseren Lesern“ und „unserer Zeitung“ gesprochen. Schaut man genau hin, wohnen sämtliche Wetterbeobachter „unserer Zeitung“ exakt in den Grenzen des Bezirkes Erfurt.
Wer nahe am Hofe wohnt, denkt in den Bezirksgrenzen des Hofes in seinem Bezirkskopf und verwechselt das Land mit seinem Bezirk. Nein „Mein Beritt“ heißt das neuwestdeutschlandjunkerlich.



In Port Said fand eine Fußballschlacht statt. 74 Tote.

SICHERHEITSPARTNERSCHAFT

Das Netz sah aus wie ein Netz. Die Linien waren schnurgerade. Die Torpfosten standen tief verankert in der Erden. Die beschlagnahmten Bierflaschen standen stramm in Reih und Glied. Der Schiedsrichter sah aus wie ein Richter. Die Zuschauertribünen sahen aus wie Tribunale. Die Lautsprecher dröhnten wie Lautsprecher. Die Choräle eroberten den Luftraum. Die Absperrung sah aus wie eine Absperrung. Der Stacheldraht war Oberste Klasse. Der Wassergraben war unüberwindlich. Die Eckfahne wehte wie eine stolze Fahne. Die Schlagstöcke sahen aus wie Schlagstöcke. Die fremden Schlachtenbummler bummelten nicht und fackelten nicht lang, sondern ab. Die Heimmannschaft sah aus wie Blut und Bodenkampf. Die Gesänge waren brandneu. Die Fäuste waren geschlossen. Die Zugänge waren verschlossen. Die Beine sahen aus wie Säbel. Die Schuhe sahen aus wie Stiefel. Die Dolche in den Gewändern sah man nicht. Die Ellenbogen sahen aus wie Ellenbogen. Der Kopfverband saß fest wie ein Turban. Die Frisur trotzte den Wettern wie ein Wehrmachtshelm. Die Nase war krumm wie die eines Arabers. Die Nase war gebogen wie die eines Juden. Die Münder waren schwarze Löcher. Die Zähne waren weiß wie Kokain. Die Ohren verrieten: Feind hört mit! Die Köpfe waren zugedröhnt. Die Körper zerfetzten sich vor Lachen. Der Ball explodierte wie eine Bombe.


Erstdruck in Matthias Biskupek: „ELF METER – Fußläufige Texte zur Weltmeisterschaft“, Leipzig 2006

Neudruck in Matthias Biskupek: „Rose Schwartz und die Folgen – Texte aus der Buchdruckzeit“, Berlin 2012



Lieber Hartmut Holzhey,

Danke für Ihren langen Brief, Ihre Landratskandidatur und meinen Tagebucheintrag dazu vom 28.12. betreffend. Ich freue mich, dass Sie das Ganze mit etwas Humor genommen haben. Und vielleicht habe ich auch den Sack geschlagen und den Esel gemeint.

Es gibt weitere briefliche Anfragen nach einem Krieg, den ich angeblich gegen den hiesigen Lokalredakteur führe. Deshalb ausführlicher:

Wir haben eine Zeitungs-Einfalt, eine gruselige Medienkonzentration, einen Zentralismus, der fast schon DDR-Ausmaße annimmt. Dagegen kann ein kleiner privater Blog, wie meiner, nichts ausrichten.

Und wenn nun im Monopolblatt ständig nur 1 Landratskandidat gepriesen wird, regt sich mein Unmut. Das ist Ihnen beim Gebaren der amtierenden Landrätin ähnlich gegangen, wie Sie schreiben: „Es ist mir lediglich im September der Kragen wegen der ständigen Arroganz und Ignoranz der Landrätin geplatzt. Und nun möchte ich ihr beweisen, dass Hochmut noch immer vor dem Fall kommt.“

Einen politischen Kandidaten offen und ständig zu unterstützen ist das Zweitschlimmste, was ein Monopolblatt machen kann. Das Schlimmste: Einen amtierenden Landrat hofieren.

Sehen Sie, und wenn das Monopolblatt dann noch eine „arrogante und ignorante“ Kampagne gegen alle öffentlichen Geldausgaben für Kultur und Bildung, Sport und Schneepflüge in schneereichen Regionen führt, platzt nun mir der Kragen. Zumal ich den Landreichsredakteur recht gut, auch persönlich, kenne, seine Schreibfähigkeit schätze und auch bisher seine meistens unparteiisches Beiträge gut verkraften konnte.

Ich weiß nicht, welcher Teufel ihn ritt, so offen parteilich, zudem im Stile des sozialistischen Realismus, den er als einstiger Sportfunktionär doch mehr als gedacht verinnerlicht hat, die Landratsfrage, in seinem Sinne die Klassenfrage, zu stellen. Warum schreibt er urplötzlich so unqualifiziert und schlecht recherchiert zu Musikschulen, Museen, Theater, so bar jeder ökonomischen Kenntnis? Weil auch ein Landkreis eben nicht betriebswirtschaftlich, sondern volkswirtschaftlich rechnen muss?

Und wenn dann nicht nur 1 Holzhey im Blatte auftaucht, sondern auch Nr. 2. – dann rutscht mir schon mal Kim Il Holzhey heraus.

Herzlich
Ihr
Matthias Biskupek

P.S. für Netzleser. Ich habe den Landratskandidaten selbstverständlich gefragt, ob ich diesen privaten Brief vom 29.1. 12 an ihn ins Netz stellen dürfe. Darf ich.


Gestern im Kino den großartigen Film mit dämlichem deutschem Titel: „Ziemlich beste Freunde“. Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Der Popcorn- und Prügelfilmfreund, der Betreiber des Cineplex, hat diesen Film schon 4 (vier!) Wochen in einem seiner sechs Kinosäle laufen. In den anderen Sälen läuft die übliche Kost, zu der er die Hiesigen nach zehn Jahren erzogen hat: Popcorn- und Prügelfilme.



Himmel blau, Luft kalt; am letzten Januartag darf Winter stattfinden. „der geist ist feiner sand und lockt zum spielen“, sagte Reiner Kunze vor fünfzig Jahren. Der Geist ist feiner Schnee und lockt zum Knirschen. Am Ende des Winterwaldes steht das Schlosscafe.
Es gibt „Geangelten Lofoten-Dorsch“. Schmecken geangelte Fische anders als gefangene? Darf man überhaupt noch das Verb „angeln“ verwenden? Wo doch der (ost)deutsche Angler-Verband sich endlich unter das Dach des (west)deutschen Sportfischerverbandes begeben sollte.

Nach dem Dorsch Kauf von weißen Astern (Winter) und gelben Osterglocken (Frühling). Nun kämpfen sie daheeme um die Vorherrschaft.

Abends beim Weimarer Stammtisch im Goethe-Zimmer des Resi. Immerhin neun Leute, vier Nichtweimarer. Komponist Mario erzählt, dass es seine Oper „Operette“ nach Gombrowicz demnächst auf CD gibt. Ein Kritiker schrieb nach der Uraufführung in Osnabrück „Die feinherb-schräge Ouvertüre wirkt, als zögen die Biermösl Blosn ins Opernhaus ein.“. Das Feinherb-Schräge demnächst im Wohnzimmer.

Unsere jüngeren Kolleginnen (größer 30 kleiner 40) sind der Meinung, dass die neuere deutsche Literatur der neueren deutschen Jungliteraturforumklassen immer hübsch gefällig, wohlausgerechnet, glatt und marktkonform daherkommt, quasi literaturinstitutionalisiert.

Na, wenn schon die jüngeren Kolleginnen …



Zwei Anstöße, über das Wort nachzudenken. Gestern Besuch von einem Kollegen; wir plappern über Auftritte und über Honorare. Im entfesselten Kapitalismus gilt das Gagengeheimnis. Merkwürdigerweise auch bei öffentlich-rechtlichen Einrichtungen, obwohl jeder kleine, dahergelaufene Bundespräsident seine Einkünfte – und seine geldwerten Vorteile durch Urlaubsaufenthalte – radikal offen legen muss.
Wir jedenfalls plappern unsere Gagen aus.

Gestern kamen zudem zwei neue Muggen rein, im Juli in Krölpa und im März in Greiz – und zwei Muggen wurden verschoben bzw. konkretisiert. Wenn die Sachen öffentlich sind, kann man sie unter „Auftritt“ nachlesen, obwohl ich die Honorarhöhen nicht angeben darf. Wegen des entfesselten Kapitalismusses.

Mugge jedenfalls war bei uns, den unter der Flagge „Eulenspiegel“ Auftretenden, immer die Abkürzung für „Musikalisches Gelegenheitsgeschäft“, obwohl Schriftsteller selten singen und sehr oft unmusikalisch sind. Manchmal wurde auch ein schriftliches Zusatzgeschäft (Kleiner Beitrag für eine zeitschrift) als Mugge bezeichnet.
Neuerdings glauben unsere westlichen Deutschlandsmänner, Mugge sei sächsisch und müsse korrekt „Mucke“ heißen, weil es von „Muck = Drecksarbeit (engl.)“ käme. Es gibt auch eine rotwelsche bzw. jiddische Deutung, die auf muggen = betteln zurückgehen soll.

Die Kollegen Musiker unterschieden Gruft- oder Grillmuggen, wenn sie auf Beerdigungen spielten. Je nachdem, ob Erd- oder Feuerbestattung.



So wurde einst eine große schöne sächsische Stadt von einem kleinen schönen Kind genannt. Das Kind wurde vorgestern achtzehn und feierte gestern mit der buckligen Verwandtschaft. Natürlich in Leipzipp. Angereist war man nicht nur aus diversen hübsch verschneiten Stadtteilen Leipzipps (Merke: Du musst ein neues Wort mindestens dreimal hintereinander verwenden), sondern auch aus dem weiten Sachsenlande, aus Thüringen und Schwaben.
An Speisen gibt es Rotweinbirne auf Büffelmozzarella zu vermelden und jene Tatsache, dass man in guten Restorangs die Beigabe zu einer Fleischbrühe (sprich: Consommé) nicht Schmalzteiggebäck, sondern Praliné heißet.

Zum „Othello“ fand ich heut morgen nur eine höchst lobende Amts-Stimme. Die von Frau Kern. Frau Nössig von der TLZ und Herr Lauterbach vom „Freien Wort“ sind noch in Netzen verfangen.
Frau Kern hat das Stück offenbar bei „Wikipedia“ gelesen, denn dort heißt es, dass ein von Desdemona verlorenes Taschentuch für die Intrige - die in Rudolstadt leider weder gezeigt noch aufgelöst wurde – genutzt wird. So teilt es Frau Kern mit. Auf der Bühne sah man aber deutlich, wie Emilia der vom Beischlaf ermatteten Desdemona das Tüchlein mit anmutigen, aber großen Gesten vom Ärmchen zog … das war eine der wenigen stückdienlichen Zutaten.
Immerhin hätte bei Wikipedia-Lektüre Frau Kern auffallen können, dass aus Bianca hier der Herr Seidensticker wurde, der folglich als schwuler Liebhaber fungiert – eine Umwertung, die mich nicht gestört hätte, weil sie in der Tat, das Stück, wie von Frau Kern behauptet, in die Gegenwart bringt.

Dass einen bei Ansehung des Rudlheimer Otto Dellows – Frank Castorf zwischen Cumbach und Mörla – die Sprachkraft verlässt, ist an diesem Kern-Halbsatz zu sehen: „Eingepflanzt hat ihn dieses haltlose Gerücht …"
Wir Sachsen machen gern mal aus einem „ihm“ ein „ihn“ – aber vielleicht soll der Satz auch Kunstanstrengung beweisen?
Ein Gedicht, ein Königreich für ein Gedicht!

Eingepflanzt
In dieses haltlose
Gerücht
Wächst
Der Botschaft Kern.



Der verehrte Theaterschauspieler und "Kiedorf"-Insasse J. Arpe spricht sehr gern von seinem Engagement-Ort als Rudlheim. Gestern, als er den jungen (!) Rodrigo in Shakespeares Othello darstellen durfte, war Rudlheim über ihn gekommen.

Unsereins trabte gegen neunzehn Uhr frohgemut ins Comödienhaus, weil man Patriot und Shakespeare-Halbkenner und überhaupt Theaterfreund ist. Man ging vorsichtig, weil es gefroren hatte, heuer, aber das gar nicht feste Eis, kurz: der Einbruch, wartete im Theater.

Zunächst sprach Benny, mit dem unsereins auch gern beim Biere im "Kiedorf" disputiert, etwas Neger-Englisch, später auch Türkendeutsch. Unsereins mag es nicht, wenn ihm vor Stückbeginn ein dramaturgischer Text vorgelesen wird. Hier wurden wir belehrt, dass wir alle Überprivilegierte und Rassisten seien und überhaupt die Welt sich bald ändern würde. Als der hiesige Intendant noch mit einem heute bekannten Chansonnier als Doppelclown Bühnen enterte, sangen sie auch dieses Lied:

„Sie werden kommen, der Tag ist nicht fern
Aus den verwahrlosten Städten
Und reißen uns nachts, in London und Bern
Aus den Schlaraffiabetten.

(…)
Sie schleppen die toten Säuglinge mit
Und all ihre Infektionen
Und öffnen mit einem gewaltigen Tritt
Die Tür'n der Fernsehstationen.“

Das hätte – wenn dem blöden Volke schon erklärt werden muss, was es mit dritter Welt und Rassismus und den Entrechteten aus dem Süden so auf sich hat - wirksamer und schöner den Auftakt gegeben.

Hier kam hernach Othello – es war nicht der aus der DDR bekannte Eisbecher rassistischen, weil schokoladigen, also migrationshintergründigen Inhalts. Aber irgend so etwas war’s. Nur eben bestenfalls Schakkes-Bejare. Ganz ordentlich dabei noch Benny-Othello und vor allem Miriam, die Desdemona in strahlender Weißheit. Die spielten und sprachen so, dass man zumindest etwas verstand. Ziemlich gruselig Jago und Cassio, weil sie zwar mal laut, mal leise plapperten, aber vor allem un- und missverständlich. Überhaupt scheint mir nicht nur in dieser Inszenierung, dass man jetzt gern die Lautsprecher aufdreht – Dynamik heißt hier laut-leise – aber nie langsam-schnell.

Bei Shakespeare wird die Intrige zum Schluss aufgeklärt. Dieses Theater aber war in dieser Inszenierung nicht mehr der guten alten Aufklärung verpflichtet, sondern Blasen und Tröten, Masern und Kröten, um sich einen albernen Reim aufs Ganze zu machen.

Hier erhob sich zum Schluss nämlich die erwürgte Desdemona, bekam eine Zigarette von Othello verpasst und musste bei der Verbiege-Ordnung hübsch abseits stehen und mitklatschen. Ein Dramaturg, wer all das verstehen tut …

Was sonst so vor flüchtenden Zuschauern geschah, kann bereits seit gestern abend unter http://www.eckhard-ullrich.de/ nachgelesen werden. Unsereins praktizierte da lieber im „Kiedorf“ den Spruch: Hast Du zur Nacht getrunken, Otto Dellow?



Zum ersten Mal in diesem Jahr eine geschlossene Schneedecke über der Stadtlandschaft im Saaletal. Durch die radle ich nicht – ich sehe sie aber beim Stehradeln. Langsam baggern sich Autos durch Straßen, sie fahren stiller im Schnee, das fällt mir immer wieder auf.

Gestern in Berlin ein Déjà-vu-Erlebnis aus der Kindheit. Auf dem Fußweg spielt eine Gruppe Kinder „Fischer, wie tief ist das Wasser?“ Eine Mutter (Tagesmutter? Hortnerin?) ist auch dabei. Die Kinder antworten (na denke ich, wie viele Kilometer?): „Drei – nein -- füüümf Kilometer!“ „Wie kann man da rüber kommen?“ (Ich denke: Einbeinig hüpfend?) „Auf einem Bein hüpfään – halt ihr müsst aber auch hüpfään …“

Während ich tippe, läuft im Hintergrund eine olle Radiosendung, auf Silberscheibe gebannt. Von 1996. Damals machte ich mit einem Kollegen ein Stunden-Feature über den einstigen „Zirkel Schreibender Studenten“ in Magdeburg. Irgendwie ist mir das Dings abhanden gekommen, war nur noch auf Kassette da, die ich gar nicht mehr hören kann. Schlechte Tonqualität – sage ich heute – aber das mag daher rühren, dass sie damals vom Radio auf Tonband aufgenommen wurde – obwohl es schon bessere Technik gab.

Bei den langen Bahnfahrten der letzten Tage quer – nein längs – durch die Republik las ich die Erinnerungen Dietmar Kellers, des vorletzten Kulturministers der DDR (Modrow-Regierung) und ein Buch aus der Nautilus-Produktion, das Roman heißt und Krimi heißen könnte. Beides sehr gut brauchbar für die nächsten Eulen-Buch-Kolumnen. Die für den Monat Februar ist jetzt hier unter „Text und Kritik“ zu lesen.



Nach einem Vierundzwanzigstundenausflug in die Residenz und die eigene Vergangenheit wieder in Berlin. Eine mecklenburgische bereifte Landschaft, nicht ganz still ruhte der Schweriner See, in Innen und Außen getrennt, früher herrschten hier Poeten mit ihren Seminaren. Mietete mich in den Alt-Schweriner Schankstuben ein, war dann kurz bei einem alten Studienfreund (Leben in Bildern Nr. 8 untere Reihe, sitzend, ganz rechts), um sein Segelflugzeug, sein Anwesen und seinen unerschütterlichen Humor zu bewundern. Die Studienzeit liegt weit weit, aber beiden fiel uns noch der Name von Wolfgang Erdmann ein.
Ging auch ins Antiquariat von Robert Loest, Mittweida, Dreiwerdener Weg, Kirchberg, Pestalozzi- und Fichteschule, alles noch viel weiter.
Nah dran Nehmzow mit seiner Ausstellung im Schleswig-Holstein-Haus. Wann sieht mal ein Künstler seinen Namen auf großem Werbe-Band, über die Straße gespannt? Nehmzow WIEDER und JETZT in Schwerin; er konnte diesmal auch richtig große Bilder ausstellen; sie werden prächtiger mit der Zeit, das Schwarz (der Einführungsredner sprach lange über die Unfarbe Schwarz und deren pastosen Auftrag) wird dicker und weniger.

Abends am langen Tisch beim Essen – Nehmzow ist als Künstler nicht nur großartig, sondern auch großzügig – noch einen alten Bekannten getroffen, der einst die Kulturakademie Ludwigsburg, als dort noch nicht der Landesrechnungshof residierte, mit Kunstwissenschaft heimsuchte.

Wir resümieren: Mittlere Kindheit (Loest-Sohn), Studium (Kommilitone), Dichteranfänge (Poetenseminar), Dichterfortschritte (Ludwigsburg), Japan (Nehmzow) – alles in vierundzwanzig Stunden Schwerin.



Berlin, Kolmarer. Die Kälte hat die Stadt mit mir erreicht. Drei Grad minus.
Gestern in einem Hohen Ministeriellen Hause in einer Hohen Landeshauptstadt. Während des Zwölfaugengesprächs wurde Kaffee und Wasser gereicht, weder aus Landes- oder Bundes-, noch aus kommunalen Mitteln finanziert. Das Gespräch fand im mehrseitigen Interesse statt. Es war vom Geiste der Tatkraft durchdrungen, zudem ergebnisoffen, allerdings ergebnisorientiert und zielführend.

Sprachduktusänderung – Achtung! Nu isses briwaad.
In Berlin kam ich abends noch zurecht zu einem Gespräch im HABBEMA. Es ging um den kürzlich verstorbenen kommunistischen – nein, natürlich marxistischen Philosophen Hans Heinz Holz, einen Briefpartner von Hacks. Ich komme mir in solchen sektenähnlichen Veranstaltungen immer eigenartig vor: Keiner ist der Meinung des anderen, aber alle sind vom gleichen Geist durchdrungen: Das Heil wird kommen, die Niederlage ist vorbei, man analysiert.
Ähnlich geht es mir auch, wenn sich die Widerstandskämpfer gegen den Honeckerismus treffen. Da kämpfen auch alle gegeneinander, sind aber verschworen in der Bewertung der Unrechtsrepublik. Hinab mit ihr den Orkus der Geschichte, welche mit einer originalen kostenintensiven Nachbildung des Mielkeschen Arbeitszimmers verdeutlicht werden muss.

Ein Absackerbier im Pieper (Van Speyck), der noch nicht in die Knaackstraße umgezogen ist. Dort wird zur späten Stunde der neueste Eulenspiegel angeboten – meine Buchkolumne darinnen wird in diesem Blog aber erst in zwei, drei Tagen öffentlich werden. Weil ganz scharfe Interessenten zwei Euro und achtzig ausgeben sollen.

Ein Brief aus der Vergangenheit, vom 9. 3. 84, den ich selber geschrieben habe. Auf gedrucktes Briefpapier (was man nicht alles mal hatte!) mit Anschrift, damals Marx-Engels-Straße 4, als die Telefonvorwahl 097926 lautete.
Ich hatte offenbar einem jungen Talent Tipps zum Schreiben gegeben. Das junge Talent ist mittlerweile ein im MDR nicht unbekannter Fernsehmoderator, der mich an meine frühe Hilfestellung (dankbar) erinnert.

Und er schreibt in seine Tageschronik – wieder viele Stunden voll von Honig.



Juchtenleder riecht nach Juchten
Krötenleim riecht krötenleimig
Und aus allen Schweinebuchten
Stinkt es mörderisch und schweinisch

Damen duften gern nach Moschus
Ochsen riechen keine Kuhfrau
Hasen rennen bis zum Torschluß
Kröten flöten auf dem Lokus

Doch die Waage janusköpfig
Nimmt sie auf in sanfter Röte
Ochse, Hase, Dame, Flöte
Zoff und Zecken und die Kröte

Wiegt sie ab in guter Ruh
Ist ganz still und hält fest zu
Nase, Mund und Hals im Nu
Ruckedieguh und StillbistDu


Dies einer der jahreszeitlichen Texte von 1996, die NICHT bis in die Rose-Schwartz-Sammlung gelangten. Ein „Hinterwäldliches Liederhandbuch - Zwölf Lieder zu den zwölf Monaten“. Der gestaltende Künstler hatte Initialen-Wünsche: Die Liedtexte sollten entsprechend dem jeweiligen Monatsnamen alliterierende Titel haben.

Tages-Notizen: Gestern Besuch vom Verleger der Edition Memoria. Zudem flatterte ein handschriftlicher, großartig anzusehender Brief vom Holzstecher Hirsch aus Dölitzsch herein. Eine Graphologengruppe vom Museum arbeitet an der Entzifferung.

Heute meldet die Lokalpresse, dass bereits 778 Internet-Abstimmungen zur erwünschten Kultur-Zersparung in der Redaktion eintrafen: Fort mit Musikschulen und Theater, wie vom Transmissionsriemen der kommenden Kim-Il-Holzhey-Herrschaft vorgegeben. Immerhin seien auch 11 (elf) eingesandte Kupons(!) zu vermelden. Davon wollen nur zwei Leser das Theater abschaffen.
Jeder einigermaßen begabte Internetnutzer kann elektronische Abstimmungen manipulieren und locker täglich seine zwanzig Stimmen produzieren. Im Kleingedruckten steht auch, dass einige Nutzer den verantwortlichen Redakteur abschaffen möchten. Dass die ganze Zeitung eingespart werden kann, meinen sehr viele Noch-Abonnenten – doch diese Forderung gelangt niemals ans Licht der Papierpresse. Denn Frau Petra Grotkamp hat soeben das Essener Imperium aufgekauft und muss ihre vielen eingesetzten Millionen wieder hereinholen.

Außerdem beginnt heute eine Reise in zwei Landeshauptstädte und eine Bundeshauptstadt.



So heißt in Weimar „Ein literarisch-geselliger Jahresauftakt“. Den dritten davon gab’s gestern in der Eckermann-Buchhandlung. Jens Kirsten und Thomas B. Schumann sprachen über René Halkett, der eigentlich ein gebürtiger Weimarer, nämlich der Freiherr von Fritsch war. Schumann hat in seinem kleinen feinen Verlag Edition Memoria „Der liebe Unhold“ – ein „Autobiographisches Zeitportrait von 1900 -1939“ zum ersten Mal auf deutsch verlegt. Ein zum Besten gegebenes Weimar-Porträt vom Beginn des 20. Jahrhunderts erregte vermutlich einige der Anwesenden – die meisten Weimarer sind ja Zeitgenossen Goethes.

Die Festschrift zu Martin Weskotts 60. ist endlich erschienen – der Geburtstag war nämlich vor knapp zwei Monaten. Finde mich dort gleich hinter Harald Biskup und weit vor den Alphabet-Bummelanten Christoph Dieckmann, Wolfgang Eckert, Wulf Kirsten (der war gestern abend auch da), Joochen Laabs, Dieter Mucke. Erik Neutsch, Rosemarie Schuder, Ingo Schulze, Elisabeth Schulz-Semrau, Michael Wüstefeld und der immer abschließenden Gertrud Zucker.



Am Montag lässt man das Wochenende Revue passieren. Beim letzten Wort des ersten Satzes stocke ich. Passieren. Das ist bekanntlich eine Lebensmittel-Zubereitungsart. Wir passieren das weiche Gemüse durch ein Sieb. Insofern ist der Gottvertrauensspruch: „Mir kann nichts passieren“ auch wieder erklärbar – man wird nicht wie weiches Gemüse durch ein Sieb passiert.

Hier sind wir beim Wochenende. Am Sonnabend Sitzung des Vorstandes der Thüringer Dichterinnung in Saalfeld. Es gab – nach zahlreichen Terminabsprachen - eine Huhn-Reis-Gemüse-Kreation. Unpassiert, aber den Mageneingang gut passierbar. Abends dann Äthiopien-Bilder beim Äthiopien-Spezialist – zuvor eine Wintersuppe. Durchgekocht aber nicht passiert, also voller fester Bestandteile. Der Sonntag hingegen sah Blumenkohl mit holländischer Soße, welche zwar nicht passiert, aber der gefährlichen Mehlklümpchenbildung gut mit dem Schneebesen geschlagen werden musste. Nun wollen wir nicht Bayern München erwähnen – geschlagen, geschlagen! – sondern einen Internet-Zwischenfall passieren lassen:

Normalerweise gibt es pro Monat eine einstellige Fehlermeldung für meine Internetseite. Also eine Handvoll Leute können dort nicht das finden/sehen/herunterladen, was sie suchen. Plötzlich zeigt die Fehlermeldung 287 Fehler – an einem Tag! Mein Webermeister erklärt mir, dass da irgendwelche Hack-Kinder etwas suchen – Programme mit Kontodaten usw. – die diese meine Seite aber gar nicht hat.

Oder schlägt das Imperium zu, das mich politischer Unkorrektheit (einst: feindlich-negativ) verdächtigt? Will das Imperium all meine ernsten und tiefen Tagesbeobachtungen zerstücken, zerschnetzeln, zerhacken, durch ein Sieb passieren?



Sehr geehrter Herr Dr. h.c. Carsten Maschmeyer,

ich habe eine Bitte. Sie unterstützen junge und auch gestandene Schriftsteller mit Anzeigenkampagnen. Ich möchte Sie um eine solche bitten.
Ich bin ein jugendlich gestandener Autor. Von mir ist soeben ein Buch in einem kleinen Berliner Verlag erschienen, der gern zwei, drei Anzeigen schalten möchte.
Sie haben 2007 das Buch von Christian Wulff „Besser die Wahrheit“ mit Anzeigen in Höhe von 42.731,71 Euro unterstützt. Das Buch trug den Untertitel „Ein Gespräch mit Hugo Müller-Vogg“ und erschien mit einem großen Foto von Christian Wulff auf dem Schutzumschlag bei Hoffmann und Campe, Hamburg, für 17,95 Euro. Darin wird auch über unsere Kanzlerin Frau Merkel erzählt.
Jetzt, nach fünf Jahren, könnte für Sie wieder die Zeit reif sein für eine Unterstützung. Relativ ähnlich der „Besseren Wahrheit“ ist auch mein Buch. Es erschien ebenfalls mit einem Foto von mir auf dem Umschlag – etwas kleiner als das von Christian Wulff – kostet dafür aber auch nur 15,00 Euro. Der Verlag heißt NoRa Verlagsgesellschaft, sitzt zwar nicht in Hamburg, aber in Berlin. Mein Werk enthält auf Seite 73 ebenfalls eine Geschichte über unsere Kanzlerin – allerdings als sie noch nicht Kanzlerin war. Ich habe diesen Text im Jahr 1994 geschrieben. Die anderen Texte sind aus früheren und späteren Jahren. Verblüffend: Das Buch hat ebenfalls einen Untertitel: „Texte aus der Buchdruckzeit“. Der Haupttitel lautet, auch das ist wieder dem von Ihnen vor fünf Jahren geförderten erstaunlich ähnlich: „Rose Schwartz und die Folgen“.
Sie müssen die Anzeigenspende übrigens nicht verschweigen, ich würde diese Annonce durchaus selbst anzeigen – und mich sogar an den Kosten beteiligen. Den Betrag von 31,71 Euro könnte ich nach Verkauf von 20 Büchern aufbringen – das entspricht meinen Tantiemen. Den verbleibenden Rest von 42.700 Euro sollten Sie dann noch zuschießen.
Nun habe ich mir überlegt, daß ich Ihnen dafür auch etwas zurückgeben möchte. Wahre Freundschaft ist immer Geben und Nehmen – oder, wie wir Wirtschaftskenner sagen: Eine Win-win-Situation. Deshalb schlage ich vor, daß wir für mein Buch jetzt gleich eine Bauchbinde produzieren – also eine umgelegte Werbeschleife. Darauf könnte ein Bild von Veronica Ferres ansprechend plaziert werden – Sie treffen da gewiß die richtige Auswahl.
Ich kann mir vorstellen, daß unsere beiden Fotos gut miteinander harmonieren würden und sowohl Veronicas als auch meine Fans zugriffen, so daß Ihre Anzeigenkampagne richtig Kohle brächte und wir sie diesmal sogar von der Steuer absetzen könnten. Also die Anzeige – nicht Veronica.
Apropos: In der nächsten, aufgrund Ihrer Anzeigen-Beihilfe unvermeidbaren, Auflage würde ich dann noch eine neue Story einbringen, eine sogenannte Bonus-Geschichte. Die von mir und Veronica.

Ich danke Ihnen im voraus und verbleibe als
Ihr Matthias Biskupek


Netzleser könnten sich vielleicht wundern über die korrekte gute alte Rechtschreibung in diesem Brief.
Er steht heute nämlich so auch in OSSIETZKY Nr. 2-2012 - und diese ehrwürdige Zweiwochenschrift bevorzugt eine solche Schreibweise.



Der Winter macht die Zündkerzen kaputt
In den großen Automobilen
Die Straßen sind voll von Immergutschutt
Und jungen Frauen, die schielen

Nach wärmenden Männern im Kerzenlicht
Denen zeigen sie Apfelbaumblüten
Sie werden gerufen von ihrer Pflicht
Und müssen jetzt Kinder ausbrüten



Das soll ich gleich heute morgen. Mit folgender Einladung:

„’victoria secrets’ sucht einen Partner, der im Herzen ein kleiner Lausbub geblieben ist. Diesen Traummann verwöhnt die Blondine mit dem bezaubernden Lächeln gerne mit ihren Kochkünsten.
Lernen Sie jetzt ‚victoria secrets’ und viele weitere attraktive Singles kennen! Verschicken Sie virtuelle Küsse und prickelnde Flirtkontakte oder finden Sie Ihr Wunschdate im Dateroulette.“

Wir übersetzen aus dieser Nachricht ein paar Begriffe: „Victoria secrets“ heißt Sieg-Sekrete oder aber Vick-Geheimnisse. Wunschdate kommst sicherlich aus dem Sächsischen und meint „Wunsch-Taten“, während Dateroulette vielleicht eine Roulade nach Prof. Dathe bezeichnet („Kochkünste!“)

Was habe ich gestern Großartiges hier geschrieben? 1300 Zugriffe sind für einen Donnerstag zu viel. Und dass der „Monolog des Kleinen Nik“ insgesamt 40 mal gelesen wurde, erstaunt auch. Den Monolog kann man nur lesen, wenn man ihn als PDF-Datei herunterlädt.

Bereits sieben Uhr morgens erregt ein Kupon im Lokalteil einen Leser namens „Nichthauptstädter“. Den Kupon soll man ausschneiden (!) und einschicken(! – Ach Du liebs Herrgöttle!), um mitzuteilen, ob man Musikschulen einsparen möchte oder doch lieber Theater und Orchester oder vielleicht nur die Sportförderung.
Der „Nichthauptstädter“ sprudelt:

„Danke Herr Spanier, jetzt weiss endlich der Letzte im Lande, das nur die Landeshauptstadt seinen Einwohnern etwas bieten darf. Alle anderern, nicht in der Landeshauptstadt wohnenden Deppen haben sich mit Ihren Wohngegeenden auf niedirigsten abzufinden, das Maul zu halten und für das Wohl ders Landes bei niegrigstem Einkommen zu schuften. Ein Hoch.“



Die ersten Wettbewerbstexte für Hessen-Thüringen sind bei meiner Ko-Jurorin in Frankfurtmain eingetroffen – vor einer guten Woche abgeschickt in Wiesbaden. Macht einen Schnitt von 0,3 Stundenkilometer – also doch etwas schneller als eine Schnecke. Der Tagungsort unserer Jury in gut drei Wochen ist bislang auch noch unbekannt – aber das hängt gewiss mit der Haushaltsperre im Thüringer Kulturministerium zusammen. Die Mitarbeiter dürfen sich nicht bewegen, um keine unnötige Energie zu verbrauchen.

Auf den Berlin-Zugfahrten Stephane Hessel gelesen – für die nächste Buchkolumne. Knapp vierhundert Seiten über ein Leben zwischen Nationen, Staaten, Ideologien. Singt ein Loblied auf seine Schulen und Lehrer – und ist damit bisher schon fünfundneunzig geworden.

Das Kontrastprogramm bietet heute wieder unser Landreichsredakteur. Er zeigt, wie man in der DDR Journalismus betrieb – obwohl er in der DDR Sportfunktionär und kein Journalist war. Aber er beherzigt jene Regel, nach der man zwischen Kommentar und Bericht keinen Unterschied merken dürfe, alles müsse von gleicher parteilicher Kampfkraft durchdrungen sein.
Pikanterweise macht er dies an der Unterstützung der SPD-Landrätin durch die Linken fest. Im Bericht schreibt er vom „Manifest für einen sozialistischen Landkreis“. Im Kommentar meint er, dass es „körperliche Schmerzen bereitet, sich mit den Linken ins Bett zu legen.“ Denn heutzutage sei man nicht mehr „Otto Grotewohl verpflichtet“.

Immerhin: Er vermutet, dass seine Leser, derer es noch fast achthundert als Abonnenten im alten Kreis Rudolstadt geben soll, Otto Grotewohl kennen. Da dürfte er Recht haben. Die meisten seiner Leser sind alte Sportfunktionäre und ehemalige SED-Mitglieder.



Berlin, Kolmarer. Vor einem Jahr, als in der Stadt noch Rot-Rot regierte, gab es Schneemassen und die Spree war zugefroren. Jetzt hat Rot-Schwarz die Macht übernommen und die Temperaturen halten sich aus dem gefährlichen Frostbereich heraus. Überall locken neue malerische Teichlandschaften (das Volk spricht politisch unkorrekt leider noch von „Pfützen“) und aus den shopping-malls verschwinden snow-boarder und sligthing-tacklings in the Nowhereland.

Im Kino „Verblendung“. Manchmal fragt man sich, warum gute Filme noch mal amerikanisch nachgedreht werden müssen – es hat wohl mit dem Synchronisieren zu tun, weil Amerikaner sich nicht vorstellen können, dass Menschen anders als amerikanisch reden. Wir in Europa sind da liberaler und wissen, dass Filmhelden immer anders als wir sprechen.

Die Haupthelden ähneln äußerlich den einstigen skandinavischen, Lisbeth ist etwas langdünnschlaksiger, aber vermutlich zeitgeist-erotischer.

Zur Verblendung kann ich nur sagen, dass ich vor dreißig Jahren, als wir die erste passable, aber stark renovierungsbedürftige Wohnung in der Marx-Engels-Straße bezogen, eine Verblendung anfertigte. Die Badewanne stand nacksch im nackschen Bad – und eine Holzverblendung war machbar, weil eine befreundete Tischlerwerkstatt mit Nadelholzbeständen im benachbarten Uhlstädt residierte.



Sie wetzen schon ihre Computer, die Feuilletonisten und Edelfedern. Nachher wird das Unwort des Jahres bekanntgegeben – und alle werden sagen, warum es genau das Richtige ist oder das absolut falsche. Wie Groß- und Kleinschreibung.
„Döner-Morde“ liegt vorn – das Wort kam vor Jahren auf; jetzt soll es gebrandmarkt werden. Warum „Stresstest“ ein Unwort sein soll, weiß ich nicht. Es ist schon das „Wort des Jahres“. „Rettungsschirm“, der dritte Kandidat ist auch kein wirkliches Unwort. Ein Wort zur Bankenrettung – nu nebbich. Man prügelt das Wort und meint die Banken.

Die Ersetzung von ganz normalen, freundlichen Wörtern durch politische Korrektheiten – das ist der wirkliche Un-Wortsinn. Habe das ja schon in einer Liste (Tagebucheintrag vom 7.1.2012, Ergänzung am 8.1.) mitgeteilt. Dazu könnte „Behinderung“ kommen. Man soll nicht mehr von behinderten Menschen etc. sprechen, sondern „Behinderung“ durch „Handikap“ ersetzen.

Wie schön war es doch, als es noch eine „Hilfsschule“ gab. Für Schüler, denen besonders geholfen werden musste. Besonders. Sonderschule. Die gefördert werden sollten. Förderschule.

Am besten, wir sprechen künftig von „Schulen“ und von der „Ganz normalen Schule“. Dorthin gehen die „Ganz Normalen Schüler“, sprich: GNS-Schüler …
Die eine ganz normale, freundliche Bezeichnung haben (GNFB-Wörter),



Von Mensching gibt es seit fünfzehn Jahren ein wunderbares Stück – ohne Worte. „Das Ballhaus“. Deutsche Geschichte wird nur mit Musik und Tanz und Pantomime erzählt.
Der Film „Niemandsland“ von Trivas ist achtzig Jahre alt – und tut Vergleichbares. Schwarzweiß, mit viel Musik-Mischung, wird eine Front-Geschichte erzählt. Die Soldaten verstehen einander kaum, weil sie englisch, französisch oder deutsch sprechen; es gibt auch einen Juden und einen Neger (politisch korrekt, weil sie damals so hießen, ohne Abwertung). Gerade der Neger kann als Übersetzer fungieren – er tingelte in London, Paris und Berlin.
Internationalismus und Pazifismus als Botschaft. Klar, dass der Film gestern in Menschings Theater lief – der Musik von Hanns Eisler wegen. Eine großartige Mischung aus Hymnen, Volksliedern, Kampfgesängen – und eben Eisler.

Und weil exakt heute vor hundert Jahren Georg Heym mit seinem Freund Ernst Balcke beim Eislaufen auf der Havel ertrank, hier der passende Text:

Georgies Eisbruch - nach Güll

Gefroren hat es heuer
Noch gar kein festes Eis.
Der Georgie steht am Weiher
Und spricht zum Ernst ganz leis:
Ich will es einmal wagen,
Das Eis, es muß doch tragen. -
Wer weiß?

Das Ernstel stapft und hacket
Mit seinem Stiefelein.
Der Georgie mit, es knacket,
Und krach! Bricht auch hinein.
Der Georgie platscht und krabbelt,
Als wie der Ernst und zappelt
Mit Arm und Bein.

O helft, man muß versinken
In lauter Eis und Schnee!
O helft, man muß ertrinken
Im tiefen Havelsee!
Es ist kein Mann gekommen,
Hat sich kein Herz genommen,
O weh!

Die Männer in dem Walde,
Die hörten wohl das Schrein.
Doch es war gar so kalde,
Sie wollten schnelle heim.
Die Menschheit muss sich irren.
Die Verse tun noch klirren.
Vom Heym.



Drei Begriffe, in eine Notiz gepresst: Auf der Tour gestern durchs wilde Ostthüringen, von Schnee überhaucht, allwo Tälerdörfer (3) sparsam in die Landschaft gesetzt sind, gleich hinter Triptis, das nichts mit dem Heinrich Böllschen „Tibten. Hier ist Tibten!“ zu tun hat, gab es Schwarzwälder Kirschtorte (2). Eigens vom Töpfer und Salzglasur(1)beherrscher Hartmut Schönfelder angefertigt.

Es ist leicht aber nicht schön, sich per Internet – oder auch Fachbuch – über eine Technik, eine Produktions- und Lebensweise zu informieren. Es ist schön, aber nicht leicht, sie unmittelbar, plötzlich, hautnah und direkt (dt. „live“) zu erleben. Bei Schönfelder in der einstigen Guten Stube, die jetzt Wohnküche ist, duftet der Kaffee. Über den Hof des Vierseithofes (fünf Gebäude) sind die Werkstatt mit Töpferscheibe und Ausstellungsraum (oben) und Töpferofen (unten). Letzterer wird vor allem mit Fichte beheizt – weil es das Holz hier gibt, und weil es im Unterschied zur höherheizwertigen Buche lange Flammen erzeugt.

Mit höherheizwertig haben wir ein Imponierwort geschaffen. Und zum Lernen. „Bei der traditionellen Salzglasur wird beim Brand Steinsalz in das Feuer gegeben, dessen Gase das Brenngut überstreichen. Dabei senkt das entstehende, sich niederschlagende Natriumoxid oberflächlich die Schmelztemperatur und erzeugt auf dem Scherben eine Glasur.“

Über die Dörfer Schönborn, Ottmansdorf, Pillingsdorf, Hasla las ich eben nach. Wundersam verlorene Dörfer in einer noch nicht verlorenen Umwelt. Ohne Belesen wusste ich die Dörfer mit Künstlernamen zu verbinden: Pillingsdorf mit Wolfgang Henne, der immer am burgart-Buchmessestand sich aufbaut; Hasla mit Horst Gröschel, der mal Folkländer und Ludwigsburg-Dozent war und den Künstlernamen Urs Grosch hat(te).

Über Schönfelder gibt es nur zu sagen, dass Torte und Töpferwaren tatsächlich tadellos Test (Tätigkeitwort mit t im Sinne von „bestanden“). In der Tagebuchnotiz vom 29. 3. 2009 habe ich schon mal was über ihn geschrieben. Siehe Tort.



So hieß nach meinen dunklen Erinnerungen an Pionierstunden in der Patenbrigade ein Filmchen, das zum Energiesparen aufrief. Das sechste Brikett im Ofen nämlich war zu viel.

Gestern sollte es bei 8-mm-Produktionen in den „saalgärten“ vorgeführt werden. Kam aber nicht, wie auch angesagte Werbe-Sendungen aus den Fünfzigern fehlten. Nun gut, statt dessen „Nu pagadie“, etwas Walt Disney, Nosferatu und „satirische“ „Besserungs“-„Filme“ aus früher DEFA-Produktion, die das lächerliche Eintrittsgeld (2,-) wert waren. Der böse Ausschuss-Arbeiter – dem ein großes „C“, statt des guten „A“ angeheftet wurde - muss dann auch eine „C“-Kneipe ertragen. Obwohl es nach meiner Erinnerung fast nur C-Kneipen in der DDR gab.

Das ratternde Schmalfilmgeräusch war auch den Eintritt wert. Wenn man noch eine passende Musi dazu gespuit hätte – aber es lagen die üblichen Saalgärten-Scheibletten im Automat.

An die sieben Mitwirkenden von „Rose Schwartz“ Belege verschickt bzw. reserviert. Alle anderen müssen sich gedulden.

Heute steht eine Fahrt über Land in eine Künstlerwerkstatt an. Abends Schauspielpremiere im „Schminkkasten“. Ausverkauft. Bevor ich mich auf einen Barhocker drängle, gehe ich vielleicht lieber zu Vicky Vomit in die „Kleinkunstbühne“. Mit dem hatte ich vor einem Jahr eine hübsche Mugge in Gößnitz.



Im zweiten Stock zeigt das Thermometer 2,6 Grad. Plus. Die Schneeflocken halten sich nicht an die Temperatur-Ortsangaben, sondern wirbeln. Und enden kläglich auf warmem Asphalt. In höheren Lagen stoppen die Flocken Brommis, also floppen Brommis stockend – gut, noch ernsthafter, mit ohne Ah aber viel Oh:

Wie man aus der Welt hört, mochten die Rechtsanwälte unseres Wulff!-Wulff! die Anfragen der Journalisten nicht öffentlich machen, wegen deren Recht am eigenen Wort. Was ich geneigt bin zu glauben. Denn die Verrechtlichung jeder Äußerung, sprich: die Advokatur des Kreises, schreitet voran.

In der Provinz beschäftigt sich die Presse noch immer mit den unglücklichen Äußerungen eines unglücklichen Lokalredakteurs, der den Kleinen Lehrgang der KPdSU in Klammern B anwenden wollte: Die herrschende Landratsklasse muss von den unterdrückten Unternehmermassen abgelöst werden. Alle Macht der Schwerindustrie. Zerschlagt schwankende Kleinbürgerkulturmeierei.

Nun hatte sich eine verdienstvolle Bürgerin, die eine, man könnte sagen: Graswurzel-Bewegung „Rudolstadt blüht auf!“ anführt, mit einem Gegenbrief positioniert und den wirbelnden Redaktions-Kader als „Peinlich und kontraproduktiv“ bezeichnet. Der Brief ging per Mail um und landete ungekürzt in der lokalen Internet-Zeitung.

Das Zeitungsimperium räusperte sich - und wollte Großmut beweisen. Es druckte den Brief – allerdings um die entscheidende Schlusspointe verkürzt. Denn was gedruckt wird, bestimmt die Vorhut der Zeitungsarbeiterklasse und deren weise Führung.

Wir hoffen, dass die Vorhut nicht auf dem Asphalt landet. Als gewesenes Schneeflöckchen („Wir sind die weiße Garde – des Brülletariats!“). Wenn nämlich die Schlusspointe der Briefschreiberin zur materiellen Gewalt wird: „Man könnte prima am Kulturgut Zeitung sparen.“



Ausrufezeichen mag ich nicht in eigenen Texten. Ich nutze sie hingegen gern, um den Ausruferstil von Presseorganen zu parodieren. Das Zeichen da oben meine ich fast ernst.

Man wird alt wie ein Puhdy – aber ein neues Buch ist immer noch was Besonderes. Mein neues heißt „Rose Schwartz und die Folgen – Texte aus der Buchdruckzeit“ – und das „Signal“, wie man früher sagte, landete gestern hier an. Den Umschlag kann man unter „Die Bücher“ angucken, bei „Text und Kritik“ ist das Vorwort daraus zu lesen. Gewiss, es ist nur eine Sammlung älterer Texte aus dreißig Jahren – aber mit 13 Abbildungen von bibliophilen Büchern, Illustrationen, Privatbriefen und einem siebenseitigen Anmerkungsapparat ist es doch ganz informativ – wenn auch dünn – geworden. 168 Seiten. Ein Foto von Korall auf dem Umschlag – als ich noch nicht mal ganz fünfzig war. Das Autogramm stammt vom November 2011.

Das Buch ist übrigens mein dreißigstes. Hinzu kommt das gute Dutzend Künstlerbücher in Kleinstauflagen – aus denen nun dieses dreißigste richtige Buch gefiltert wurde.

Das Neue hat zunächst auch nur eine winzige Auflage – es kann aber nach dem book-on-demand-Prinzip immer nachgedruckt werden. Könnte also auch im üblichen Buchhandel zu finden sein. Allerdings haben die Buchhandlungen kein Rückgaberecht – wenn eine Buchhandlung also zwei oder gar fünf Stück bestellt, muss sie die auch verkaufen. Eine Ausnahme davon gibt es bei Lesungen – davon sind zunächst zwei geplant. Siehe Auftritt.

Und morgen dann noch weniger Eigenwerbung. Statt dessen vielleicht Wetter-, Presse- oder Reichsbahnbeschimpfungen.


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